Persönliches & Leben
Bist du ein Kontroll Freak?
Bist du ein Kontroll-Freak?
Bist du auch so ein Kontrolletti? Möchtest du am liebsten, dass dir die Ärzte sofort versichern, dass du nach der Brustkrebsbehandlung wieder gesund wirst? Dass der Krebs nicht zurückkommt und du noch ein langes, glückliches Leben vor dir hast?
Und gleichzeitig weißt du, dass dir niemand diese Garantie geben kann. Das macht unsicher. Vielleicht fühlst du dich sogar machtlos, weil du so gerne alles selbst in der Hand hättest.
Das Leben hat leider kein Güte- und Garantiesiegel.
Wenn Kontrolle zur Anstrengung wird
Als ich 2013 Brustkrebs hatte, war ich ein absoluter Kontrolletti.
Ich wollte den genauen Behandlungsfahrplan kontrollieren. Wehe, ein Termin musste verschoben werden! Das passte überhaupt nicht in meine Planung.
Ich wollte auch meine Nebenwirkungen während der Chemotherapie unter Kontrolle halten. Es durfte mir nicht zu schlecht gehen. Das wollte ich nicht.
Und meine Ängste? Die sollten mich auf keinen Fall beherrschen. Aber genau das war besonders schwer zu kontrollieren.
Mein Kontrollzwang war mega anstrengend. Er kostete mich viel Kraft.
Alles sollte zack, zack, zack passieren. Nicht nach rechts, nicht nach links schauen. Augen zu und im Schweinsgalopp da durch.
Ich wollte vor allem eines: die Gewissheit haben, dass der Krebs nie wiederkommen würde. Dass es das jetzt gewesen war. Und diese Bestätigung hätte ich am liebsten täglich bekommen, ganz egal, von wem.
Ich suchte die Sicherheit immer im Außen. Bei Ärzten, in Untersuchungen und in den Aussagen anderer Menschen. Dabei konnte mir niemand versprechen, wie meine Zukunft aussehen würde.
Kontrolle hat zwei Seiten
Kontrolle ist nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Sie kann uns ins Handeln bringen.
Wir warten nicht einfach ab, bis sich jemand anderes um unser Problem kümmert. Wir informieren uns, stellen Fragen und treffen Entscheidungen. Wir holen uns eine zweite ärztliche Meinung, wenn wir unsicher sind. Vielleicht überdenken wir unsere Ernährung, bewegen uns regelmäßiger oder nehmen Unterstützung in Anspruch.
Auch ich habe in dieser Zeit viele Bücher gelesen. Über Gesundheit, das Leben nach dem Tod, Visualisierung, den Placeboeffekt und die Frage, wie unsere Gedanken unser Erleben beeinflussen können.
Das hat mich damals sehr beschäftigt. Vieles davon hat mir Ruhe gegeben und mir geholfen, mich nicht völlig ausgeliefert zu fühlen.
Ich habe gemerkt, dass ich durchaus etwas für mich tun kann. Ich kann Fragen stellen. Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann mir Hilfe holen und versuchen, gut für mich zu sorgen.
Das ist die hilfreiche Seite der Kontrolle.
Die andere Seite ist, dass wir irgendwann glauben können, wir müssten nur alles richtig machen, damit auch das gewünschte Ergebnis eintritt.
Aber so funktioniert das Leben nicht. Auch wenn wir uns gut ernähren, uns bewegen, medizinische Empfehlungen befolgen und auf uns achten, können wir nicht jeden Krankheitsverlauf vorherbestimmen.
Das ist schwer auszuhalten. Besonders dann, wenn wir uns nichts sehnlicher wünschen als Sicherheit.
Was wir nicht kontrollieren können
Wenn du heute aus dem Haus gehst, weißt du nicht genau, was dich erwartet. Du kannst vieles vorbereiten und Risiken vermeiden. Aber du kannst nicht alles vorhersehen.
Bei einer Krebserkrankung ist dieses Gefühl der Unsicherheit besonders stark. Wir möchten wissen, ob die Behandlung wirkt, ob die Nebenwirkungen bald nachlassen und ob der Krebs eines Tages zurückkommen könnte.
Ärztliche Prognosen und Statistiken können uns dabei helfen, Risiken einzuordnen. Sie geben aber keine exakte Vorhersage für das Leben eines einzelnen Menschen.
Vielleicht kennst du Geschichten von Menschen, denen eine begrenzte Lebenszeit prognostiziert wurde und die trotzdem deutlich länger lebten. Solche Geschichten können Hoffnung machen. Sie zeigen, dass eine Prognose nicht immer genau so eintritt, wie zunächst erwartet.
Aber wir sollten vorsichtig sein, daraus Schlüsse zu ziehen. Wir wissen oft nicht, welche medizinischen Faktoren eine Rolle gespielt haben und wie sich die Erkrankung tatsächlich entwickelt hat - sowohl in die eine als auch andere Richtung.
Auch die Vorstellung einer selbsterfüllenden Prophezeiung lässt sich nicht einfach auf Krebsprognosen übertragen. Unsere Erwartungen können unser Verhalten und unser Erleben beeinflussen. Sie bestimmen sehr wahrscheinlich nicht, ob sich ein Tumor zurückbildet oder eine Krebserkrankung wiederkehrt.
Du bist nicht schuld, wenn eine Erkrankung einen ungünstigen Verlauf nimmt. Und du musst nicht positiv genug denken, um gesund zu werden.
Das ist mir wichtig.
Eine Geschichte, die mich zum Nachdenken gebracht hat
Meine Psychoonkologin hat mir einmal von einer Patientin erzählt, der nur noch drei Monate Lebenszeit prognostiziert worden waren.
Die Frau entschied sich daraufhin, nach Indien in ein Ashram zu gehen. Sie wollte dort zur Ruhe kommen, meditieren und die verbleibende Zeit auf ihre Weise verbringen.
Als die drei Monate vergangen waren, lebte sie noch. Auch nach weiteren Monaten war sie am Leben. Meine Psychoonkologin erzählte mir, dass die Frau schließlich nach Deutschland zurückkehrte.
Wie sich ihre Krebserkrankung tatsächlich entwickelt hatte, weiß ich nicht. Deshalb kann ich auch nicht sagen, warum sie länger lebte als zunächst angenommen.
Was mich an dieser Geschichte beschäftigt hat, war etwas anderes: Die Frau hatte aufgehört, ihr ganzes Leben an einer Zeitprognose auszurichten. Sie hatte sich auf das konzentriert, was ihr in diesem Moment wichtig war.
Vielleicht hat ihr die Ruhe gutgetan. Vielleicht konnte sie die verbleibende Zeit dadurch bewusster erleben. Aber wir wissen nicht, ob und wie das ihren Krankheitsverlauf beeinflusst hat.
Für mich liegt die Botschaft dieser Geschichte deshalb nicht darin, dass Loslassen heilt. Sondern darin, dass wir unser Leben nicht vollständig auf eine Prognose reduzieren müssen.
Vertrauen statt ständiger Kontrolle?
Mein früherer Chef ist schwer nierenkrank. Bis heute muss er dreimal pro Woche zur Dialyse. Das ist eine große Belastung für den Körper und verlangt ihm im Alltag einiges ab.
Trotzdem reist er beruflich in Länder, in denen die medizinische Versorgung für Dialysepatienten nicht immer optimal ist.
Als ich ihn einmal fragte, wie er das schafft und ob er keine Angst hat, sagte er sinngemäß: Er lebe sein Leben und tue die Dinge, für die er brenne. Solange es möglich sei, wolle er etwas bewegen. Dabei helfe ihm auch sein Gottvertrauen.
Seine Antwort ist mir in Erinnerung geblieben.
Vielleicht ist es genau das, was Vertrauen für mich bedeutet: nicht davon auszugehen, dass immer alles gut gehen wird. Sondern trotz der Unsicherheit das Leben nicht völlig aus den Augen zu verlieren.
Ob du dabei auf Gott vertraust, auf andere Menschen, auf dich selbst oder einfach auf die Fähigkeit, mit dem umzugehen, was kommt, ist ganz persönlich.
Was bedeutet Vertrauen für dich?
Vertrauen kann viele Formen haben.
- Vertrauen in dich selbst und in die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.
- Vertrauen in Menschen, die dich unterstützen und dir zur Seite stehen.
- Vertrauen in dein medizinisches Behandlungsteam, ohne auf eigene Fragen und Bedürfnisse zu verzichten.
- Vertrauen darauf, dass du mit schwierigen Situationen nicht allein bleiben musst.
- Vertrauen darin, dass du auch mit Unsicherheit umgehen lernen kannst.
Und natürlich gehört Selbstvertrauen dazu. Der Gedanke: Ich kann etwas tun. Ich darf entscheiden. Ich darf Hilfe annehmen. Und ich muss nicht alles heute lösen.
Das bedeutet nicht, dass du blind vertrauen oder auf Kontrolle verzichten sollst. Es geht vielmehr darum, zu unterscheiden: Was liegt tatsächlich in meiner Hand? Und was kann ich nicht beeinflussen, so sehr ich es mir auch wünsche?
Vielleicht hilft es dir, diese beiden Bereiche einmal aufzuschreiben.
Was kannst du heute konkret tun, um dich zu unterstützen? Und welche Sorgen drehen sich um Dinge, die du gerade nicht entscheiden oder vorhersehen kannst?
Du musst die Sorgen nicht wegschieben. Aber du musst ihnen auch nicht jede freie Minute überlassen.
Der Weg ist das Leben
Wir alle wünschen uns, dass am Ende alles gut wird. Bei einer Krebserkrankung ganz besonders.
Aber unser Leben findet nicht erst dann statt, wenn alle Untersuchungen abgeschlossen sind, alle Nebenwirkungen verschwunden sind und wir uns endlich sicher fühlen.
Es findet mittendrin statt. An guten Tagen und an schwierigen. In Momenten voller Hoffnung und in solchen, in denen wir nicht wissen, wie es weitergeht.
Du darfst Pläne machen. Du darfst vorsorgen und Verantwortung übernehmen. Du darfst dich informieren und für deine Gesundheit einsetzen.
Und du darfst gleichzeitig Dinge genießen, die sich nicht planen lassen: ein gutes Gespräch, einen Ausflug, Musik, ein Lachen oder einen ganz gewöhnlichen Tag.
Bitte verpasse vor lauter Kontrolle nicht das Leben.
Manchmal ist es gut, die Zügel ein wenig lockerer zu lassen. Nicht, weil dann automatisch alles gut wird. Sondern weil du nicht jede Unsicherheit lösen musst, bevor du wieder leben darfst.
Lehne dich ruhig einmal zurück und genieße die Aussicht. 💚

