Selbstfürsorge & Wohlbefinden

Deine Taschenlampe gegen Ängste

Neulich sprach ich mit einer lieben Frau, die ich schon eine Weile auf ihrem Weg begleite. Sie fragte mich: „Diana, ich habe wieder diese Ängste, die ständig hochkommen. Was kann ich denn noch tun?“

Ach, ich kann das so gut verstehen. Diese Ängste können ganz schön hartnäckig sein. Gerade in den ersten Jahren nach einer Brustkrebsdiagnose ist oft nicht nur der Körper gefordert, sondern auch die Seele.

Ich hätte mir damals manchmal ein kleines Knöpfchen gewünscht, mit dem ich diese ständig über mir schwebende Angst einfach ausknipsen könnte.

Aber so funktioniert das leider nicht. Angst lässt sich nicht einfach wegschieben. Und manchmal kommt sie wieder, obwohl wir dachten, wir hätten sie längst hinter uns gelassen.

Deshalb möchte ich heute eine kleine Übung mit dir teilen, die dir helfen kann, deinen Blick für einen Moment auf etwas anderes zu richten.

Du kannst nichts dafür, dass du Angst hast

Vielleicht kennst du das: Ein Nachsorgetermin steht an und plötzlich werden die Gedanken unruhig. Du spürst ein Ziehen oder einen Schmerz, den du nicht einordnen kannst. Du hörst von einer anderen Frau, deren Krebs zurückgekommen ist. Oder du wachst nachts auf und fängst an, über Krankheit, Leid und Tod nachzudenken.

Manchmal reicht schon ein kleiner Auslöser, und das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen.

Zunächst einmal: Es ist verständlich, dass du Angst hast. Und du musst dir deswegen keine Vorwürfe machen.

Unser Gehirn achtet besonders aufmerksam auf mögliche Gefahren. Es versucht, uns zu schützen und auf Dinge vorzubereiten, die schwierig werden könnten. Nach einer Krebserkrankung haben wir viele Erfahrungen gemacht, die unser Gefühl von Sicherheit erschüttern können. Kein Wunder also, dass bestimmte Situationen oder Körperempfindungen die Angst wieder wachrufen.

Dazu kommt, dass uns beunruhigende Informationen häufig besonders auffallen. Vielleicht kennst du das aus dem Alltag: Du liest viele positive Nachrichten, aber eine negative Nachricht bleibt dir noch lange im Gedächtnis.

Das bedeutet nicht, dass wir immer nur das Schlechte sehen. Aber mögliche Gefahren können unsere Aufmerksamkeit stark auf sich ziehen.

Ein kleines Experiment

Schau dir diese Rechenaufgaben an:

2 + 5 = 7

4 − 2 = 2

9 + 1 = 11

6 − 3 = 3

8 + 1 = 9

Ist dir die falsche Aufgabe aufgefallen?

Vermutlich hast du die dritte Zeile ziemlich schnell entdeckt. Vielleicht hast du aber nicht genauso bewusst wahrgenommen, dass die anderen vier Aufgaben richtig sind.

Das ist natürlich kein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass unser Gehirn immer das Negative bevorzugt. Es zeigt aber anschaulich, wie leicht ein Fehler oder etwas Beunruhigendes unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann.

Übertragen wir das einmal auf das Thema Brustkrebs: Wir hören von vier Frauen, denen es nach ihrer Behandlung gut geht. Dann erfahren wir, dass bei einer anderen Frau der Krebs zurückgekommen ist. Und plötzlich ist vor allem diese eine Geschichte in unserem Kopf.

Vielleicht denken wir an sie, wenn wir selbst einen Nachsorgetermin haben. Vielleicht fragen wir uns, ob uns das gleiche Schicksal bevorsteht.

Das ist verständlich. Aber eine einzelne Geschichte sagt nicht voraus, wie sich unsere eigene Erkrankung entwickeln wird.

Ein beängstigender Gedanke ist kein Beweis dafür, dass das Befürchtete tatsächlich passieren wird.

Natürlich sind unsere Sorgen nicht einfach bedeutungslos. Sie entstehen aus unseren Erfahrungen und aus realen Unsicherheiten. Aber wir müssen nicht jede Angst als Vorhersage unserer Zukunft betrachten.

Die Frage nach der Wahrheit

Wenn ich merke, dass meine Gedanken immer wieder um das gleiche beängstigende Thema kreisen, hilft mir eine Frage:

„Ist das wirklich wahr, was ich gerade denke?“

Nehmen wir an, in deinem Kopf tauchen plötzlich diese Gedanken auf:

  • Was ist, wenn der Krebs zurückkommt?
  • Was ist, wenn ich noch einmal eine Chemotherapie machen muss?
  • Was ist, wenn ich wieder starke Schmerzen bekomme?
  • Was ist, wenn ich früher sterbe, als ich hoffe?

Das sind beängstigende Möglichkeiten. Und natürlich können wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen, was die Zukunft bringt.

Aber wir wissen in diesem Moment auch nicht, dass genau das passieren wird.

Vielleicht hilft es dir, den Gedanken etwas genauer anzuschauen. Was weißt du tatsächlich? Was befürchtest du? Und gibt es etwas Konkretes, das du gerade tun kannst, um dich zu unterstützen?

Wenn du neue oder anhaltende Beschwerden hast, darfst du sie medizinisch abklären lassen. Wenn dich die Angst vor einem Rückfall stark belastet, kannst du darüber mit deinem Behandlungsteam oder einer psychoonkologischen Fachkraft sprechen.

Du musst deine Sorgen nicht einfach wegdenken. Aber du darfst prüfen, ob du gerade auf eine Tatsache reagierst oder auf etwas, das du befürchtest.

Deine Taschenlampe gegen Ängste

Jetzt kommt meine Lieblingsübung.

Stell dir vor, du stehst in einem großen, dunklen Raum. In diesem Raum befindet sich alles, was zu deinem Leben gehört: schöne Erinnerungen, schwierige Erfahrungen, Menschen, die du liebst, deine Wünsche, Sorgen, Ängste und Hoffnungen.

Du hältst eine Taschenlampe in der Hand.

Der Lichtkegel deiner Taschenlampe steht für deine Aufmerksamkeit. Wohin du leuchtest, das kannst du für einen Moment genauer betrachten.

Schritt 1: Leuchte auf deine Angst

Richte den Lichtkegel zunächst auf deine Angst.

Wie sieht sie aus? Hat sie eine Form oder eine Farbe? Ist sie groß oder klein? Fühlt sie sich schwer an oder eher unruhig?

Du musst dir nichts Bestimmtes vorstellen. Vielleicht siehst du ein Bild vor deinem inneren Auge, vielleicht spürst du einfach nur ein Gefühl.

Nimm wahr, was gerade da ist. Du musst die Angst nicht bekämpfen und sie auch nicht sofort loswerden.

Du kannst dir innerlich sagen: „Da ist meine Angst. Ich merke, dass sie gerade da ist.“

Schritt 2: Drehe deine Taschenlampe

Wenn du möchtest, drehe dich nun ein Stück und richte den Lichtkegel auf eine andere Ecke des Raumes.

Was findest du dort?

Vielleicht siehst du einen Menschen, der dir wichtig ist. Vielleicht erinnerst du dich an einen schönen Urlaub, an einen lustigen Abend mit Freunden oder an einen Moment, in dem du dich richtig wohlgefühlt hast.

Vielleicht ist es auch etwas ganz Kleines: eine Tasse Kaffee in der Sonne, dein Lieblingslied oder ein Spaziergang, bei dem du tief durchatmen konntest.

Bleibe einen Moment bei diesem Bild. Was siehst du? Was gefällt dir daran? Welches Gefühl verbindest du damit?

Du musst nicht plötzlich glücklich sein. Es reicht, wenn du dir erlaubst, auch diesem Teil deines Lebens ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Schritt 3: Erinnere dich daran, dass beides da sein darf

Deine Angst ist nicht einfach verschwunden. Sie befindet sich noch immer in deinem Raum.

Und das ist in Ordnung.

Du musst sie nicht wegdrücken, um dich mit etwas Schönem zu beschäftigen. Du kannst Angst haben und gleichzeitig einen angenehmen Moment erleben. Du kannst dir Sorgen um deine Gesundheit machen und dich trotzdem auf einen Ausflug freuen.

Du darfst deine Aufmerksamkeit verändern, ohne deine Angst verleugnen zu müssen.

Vielleicht gelingt dir das gleich beim ersten Mal. Vielleicht fällt es dir schwer oder deine Gedanken kehren immer wieder zurück. Das ist kein Scheitern. Du kannst die Übung später erneut versuchen oder etwas anderes ausprobieren, das dir guttut.

Eine Taschenlampe voller Liebe

Als ich über diese Übung nachgedacht habe, musste ich spontan an das Lied „Kleine Taschenlampe brenn“ von Markus aus den Achtzigern denken.

Ich mochte dieses Lied schon damals. Und plötzlich hatte ich ein schönes Bild vor Augen: Was wäre, wenn wir mit unserer Taschenlampe die Worte „Ich liebe dich“ in den Himmel schreiben könnten?

Vielleicht richtest du deine Taschenlampe in Gedanken auf einen Menschen, den du liebst. Vielleicht auf dein Kind, deinen Partner, eine Freundin oder einen anderen Menschen, der dir wichtig ist.

Oder du richtest sie auf dich selbst.

Das mag zunächst ungewohnt klingen. Aber vielleicht kannst du dir für einen Moment vorstellen, dir selbst mit etwas mehr Freundlichkeit zu begegnen.

Du hast eine schwierige Zeit durchgemacht. Du musst nicht immer stark sein und nicht jede Angst im Griff haben. Du darfst mitfühlend mit dir selbst sein.

Und wenn dir das Wort Selbstliebe zu groß erscheint, reicht vielleicht ein einfacher Gedanke: „Ich darf gut für mich sorgen.“

Übung macht nicht perfekt - aber vielleicht ein bisschen leichter

Es kann helfen, die Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auf etwas anderes zu richten. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Gedanken vollständig kontrollieren können. Und es bedeutet auch nicht, dass Ängste durch Übung automatisch verschwinden.

Manchmal brauchst du ein Gespräch. Manchmal hilft Bewegung. Manchmal möchtest du einfach weinen oder eine Weile gar nichts tun.

Wenn deine Ängste sehr stark sind, lange anhalten oder deinen Alltag einschränken, darfst du dir professionelle Unterstützung holen. Du musst damit nicht allein zurechtkommen.

Ich lade dich trotzdem ein, die Taschenlampenübung einmal auszuprobieren, wenn sie sich für dich passend anfühlt.

Vielleicht entdeckst du dabei etwas Schönes, das du gerade ein wenig aus den Augen verloren hast. Vielleicht gelingt es dir, deine Angst für einen Moment nicht zum Mittelpunkt deiner gesamten Aufmerksamkeit zu machen.

Und vielleicht reicht das für heute schon.

Du musst deine Angst nicht besiegen. Du darfst lernen, ihr Aufmerksamkeit zu schenken, ohne ihr den ganzen Raum zu überlassen.

Alles Liebe,

Diana 💚

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