Persönliches & Leben
Gefühle in der AHB
Wenn die Geschichte einer anderen Frau Angst macht
Wie du dich schützen kannst, ohne dein Mitgefühl zu verlieren.
Stell dir vor, du bist in der Anschlussheilbehandlung (AHB) nach deiner Brustkrebstherapie. Die Behandlung liegt hinter dir, du bist froh, diesen anstrengenden Abschnitt geschafft zu haben, und versuchst, wieder nach vorne zu schauen.
Die Menschen um dich herum sind nett, ihr tauscht euch aus, vielleicht habt ihr schon erste Freundschaften geschlossen. Es tut gut, mit Frauen zusammen zu sein, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Und dann setzt sich beim Mittagessen eine Frau an euren Tisch und erzählt gleich zu Beginn, dass sie nach kurzer Zeit einen Rückfall hatte und nun erneut mit Brustkrebs und Metastasen konfrontiert ist.
Was macht das mit dir?
Kannst du ihr zuhören und mit ihr fühlen? Oder zieht es dir den Boden unter den Füßen weg, weil du plötzlich an deine eigene Zukunft denken musst?
Mir ist genau das passiert, als ich vor vielen Jahren selbst in der AHB war.
Als mich die Geschichte einer anderen Frau völlig aus der Bahn warf
Damals blieb mir vor Schreck fast das Mittagessen im Hals stecken. Meine Tischnachbarin, mit der ich mich angefreundet hatte, schaute mich mit großen Augen an. Wir wussten beide nicht, wie wir mit dieser Nachricht umgehen sollten.
Schließlich verließen wir unter dem Vorwand, einen Behandlungstermin zu haben, vorzeitig den Tisch.
Ich konnte es einfach nicht ertragen. Ich wollte diese Geschichte nicht hören.
Wir hatten unsere eigene Krebstherapie gerade hinter uns und waren vermutlich noch viel verletzlicher, als wir uns selbst eingestehen wollten. Wir sehnten uns nach Erholung, Zuversicht und ein bisschen Normalität. Und plötzlich saßen wir da und hörten von etwas, wovor wir selbst große Angst hatten.
Die Geschichte beschäftigte mich noch tagelang. Ich konnte schlecht schlafen und stellte mir immer wieder vor, dass ich selbst einen Rückfall bekommen und Metastasen entwickeln könnte.
Mein Kopfkino lief auf Hochtouren.
Warum musste diese Frau uns das ausgerechnet beim Mittagessen erzählen? Warum konnte sie nicht warten?
Heute sehe ich das anders.
Auch die andere Frau hatte ihre Geschichte
Im Nachhinein tut mir die Frau leid. Ich kann heute besser verstehen, dass sie vermutlich selbst sehr belastet war und das Bedürfnis hatte, sich mitzuteilen.
Vielleicht suchte sie Verständnis. Vielleicht wollte sie erklären, warum sie in der Reha war. Vielleicht hoffte sie auf tröstende oder mutmachende Worte.
Wenn man selbst in einer schwierigen Situation steckt, ist es verständlich, dass man darüber sprechen möchte. Auch sie hatte ein Recht auf ihre Gefühle und ihre Geschichte.
Aber wir anderen hatten damals eben auch unsere Grenzen.
Wir waren nicht in der Lage, diese Nachricht aufzufangen. Nicht, weil wir herzlos waren, sondern weil wir selbst noch mit unseren Ängsten beschäftigt waren.
Heute weiß ich: Ich kann Mitgefühl für einen Menschen haben und mich trotzdem davor schützen, von seiner Geschichte überwältigt zu werden.
Beides darf nebeneinander bestehen.
Die Angst vor dem Rückfall
Nach einer Brustkrebsdiagnose ist die Angst vor einem Rückfall für viele Frauen ein sensibles Thema. Vielleicht kennst du das auch: Du hörst von einer anderen Betroffenen, bei der die Erkrankung zurückgekommen ist, und sofort fragst du dich, ob dir das ebenfalls passieren könnte.
Das ist verständlich. Wir versuchen, Erfahrungen einzuordnen und herauszufinden, was sie für uns selbst bedeuten könnten.
Aber die Geschichte einer anderen Frau sagt nicht voraus, wie sich deine eigene Erkrankung entwickeln wird.
Brustkrebs ist nicht bei allen Frauen gleich. Tumoreigenschaften, die bisherige Behandlung und viele weitere Faktoren unterscheiden sich. Deshalb lässt sich aus dem Krankheitsverlauf einer anderen Frau keine direkte Vorhersage für deine persönliche Situation ableiten.
Natürlich ist ein Rückfall grundsätzlich möglich. Es wäre nicht ehrlich, das zu verschweigen. Aber ebenso wenig ist es sinnvoll, jede traurige Geschichte so zu behandeln, als wäre sie ein Blick in unsere eigene Zukunft.
Die Angst, dass etwas passieren könnte, ist kein Beweis dafür, dass es passieren wird.
Wenn dich eine Geschichte sehr beschäftigt, darfst du dir Zeit nehmen, um deine Gefühle zu sortieren. Und wenn die Angst vor einem Rückfall deinen Alltag stark beeinträchtigt, kannst du dir Unterstützung holen. Du musst damit nicht allein zurechtkommen.
Wie ich gelernt habe, mich besser abzugrenzen
Es hat bei mir eine ganze Weile gedauert, bis ich einen anderen Umgang mit solchen Geschichten gefunden habe.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht jede Erfahrung anderer Frauen innerlich zu meiner eigenen machen muss.
Wenn ich von einem Rückfall höre, kann ich traurig sein. Ich kann Mitgefühl empfinden und der anderen Frau alles Gute wünschen. Aber ich muss nicht gleichzeitig gedanklich meine eigene Zukunft durchspielen und jedes schlimme Szenario ausmalen.
Ich kenne die persönliche Krankengeschichte dieser Frau nicht. Ich weiß nicht, welche Tumoreigenschaften, Behandlungen oder individuellen Risikofaktoren bei ihr eine Rolle spielen. Und ich kann aus ihrer Geschichte nicht ableiten, was bei mir selbst passieren wird.
Das ist kein egoistisches Denken. Für mich ist es eine Form des Selbstschutzes.
Manchmal hilft mir dabei ein englischer Ausdruck:
Observe, don't absorb.
Sinngemäß bedeutet das: Nimm wahr, was der andere erzählt, aber sauge es nicht vollständig in dich auf. Du darfst zuhören, ohne die Gefühle und Ängste des anderen zu deinen eigenen machen zu müssen.
Das bedeutet nicht, dass du dich verschließen oder schwierige Themen grundsätzlich meiden sollst. Es bedeutet, dass du auf deine eigenen Grenzen achten darfst.
Was du sagen kannst, wenn dir eine Geschichte zu viel wird
Vielleicht fragst du dich, wie du in einer solchen Situation reagieren kannst, ohne die andere Person zu verletzen.
Du musst nicht immer die richtigen Worte finden. Manchmal reicht es, ehrlich und freundlich zu sein.
Du könntest zum Beispiel sagen:
„Es tut mir leid, dass du das durchmachen musst. Ich merke gerade, dass mich das Thema sehr beschäftigt. Ich brauche einen Moment für mich.“
Oder du hörst eine Weile zu und wechselst anschließend behutsam das Thema, wenn du spürst, dass du gerade nicht mehr aufnehmen kannst.
Du darfst auch eine Pause machen oder dich aus einem Gespräch zurückziehen.
Du musst dich nicht rechtfertigen, wenn dir ein Thema zu nahegeht. Gleichzeitig kannst du der anderen Frau mit Respekt begegnen.
Und wenn du selbst diejenige bist, die gerade viel erzählen möchte, kann es helfen, vorher zu fragen, ob dein Gegenüber im Moment zuhören kann. So haben beide die Möglichkeit, ihre Grenzen zu wahren.
Du darfst Mitgefühl haben und dich trotzdem schützen
Heute würde ich an dem Mittagstisch wahrscheinlich anders reagieren als damals. Ich würde vermutlich mehr Verständnis für die Frau aufbringen, die ihre Geschichte erzählen wollte.
Aber ich weiß nicht, ob ich damals anders hätte handeln können. Ich war selbst noch zu sehr mit meiner Erkrankung und meinen Ängsten beschäftigt.
Und das ist in Ordnung.
Wir müssen nicht immer souverän reagieren. Manchmal erkennen wir erst viel später, warum eine Begegnung uns so aus der Bahn geworfen hat und was wir daraus lernen können.
Vielleicht ist das meine wichtigste Erkenntnis aus dieser Erfahrung: Ich darf mitfühlend sein, ohne die Verantwortung für die Gefühle aller anderen Menschen zu übernehmen. Und ich darf mich schützen, ohne den Schmerz eines anderen Menschen kleinzureden.
Wenn dir eine Geschichte von einer anderen Frau Angst macht, erinnere dich daran:
Ihre Geschichte verdient Mitgefühl. Aber sie ist nicht automatisch deine Zukunft.
Du darfst zuhören. Du darfst traurig sein. Du darfst Abstand nehmen.
Und du darfst dich anschließend wieder deinem eigenen Leben zuwenden.
Alles Liebe,
Diana 💚

