Persönliches & Leben
Ich will mein altes Leben zurück. Wirklich?
Zwei Frauen, eine Brustkrebsdiagnose und zwei ganz unterschiedliche Wege
Frauen mit Brustkrebs. Davon gibt es leider viel zu viele.
Stell dir zwei Frauen vor. Ich nenne sie einfach A und B. Das könnten du und ich sein. Vielleicht erkennst du dich in einer von beiden wieder.
Beide bekommen die Diagnose Brustkrebs. Beide müssen durch Operation, Behandlung und all die Untersuchungen, die dazugehören. Beide wünschen sich, dass diese anstrengende Zeit irgendwann vorbei ist.
Und beide denken irgendwann: Brustkrebs ist einfach der größte Mist!
Aber dann gehen ihre Gedanken in unterschiedliche Richtungen.
A möchte ihr altes Leben zurück
A sagt: „Ich will, dass endlich wieder alles so wird wie vor der Diagnose. Ich möchte arbeiten gehen, Zeit mit meiner Familie verbringen, meinen Haushalt erledigen und meine Freizeit genießen. Ich will nicht mehr ständig an Krebs denken müssen. Wenn die Behandlung vorbei ist, möchte ich damit abschließen. Aus den Augen, aus dem Sinn.“
Sie möchte wieder Normalität. Keine weiteren großen Veränderungen, keine endlosen Selbstanalysen. Sie hat genug durchgemacht und will ihr Leben zurück.
Kannst du das verstehen? Ich schon.
B fängt an, ihr Leben zu hinterfragen
B sagt ebenfalls: „Brustkrebs ist der größte Mist!“
Aber sie fragt sich zusätzlich: „Wie war mein Leben eigentlich vor der Diagnose? War ich zufrieden? Habe ich mir genügend Zeit für mich genommen? Gibt es Dinge, die ich schon lange verändern möchte?“
Vielleicht hat sie während der Behandlung gemerkt, dass ihr manche Dinge nicht mehr so wichtig sind wie früher. Vielleicht möchte sie mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen, beruflich etwas verändern oder endlich einen lang gehegten Wunsch verwirklichen.
Sie fragt sich, wie sie ihr Leben künftig gestalten möchte.
Nicht, weil sie glaubt, ihren Krebs selbst verursacht zu haben. Sondern weil diese Erfahrung sie dazu gebracht hat, über manches neu nachzudenken.
Zwei Frauen. Zwei unterschiedliche Wünsche für die Zeit nach Brustkrebs.
Wer bist du? Eher A oder eher B?
Und vor allem: Gibt es überhaupt eine bessere Variante?
Du musst dein Leben nicht umkrempeln
Für mich gibt es hier kein Richtig oder Falsch.
Wenn du nach der Brustkrebsbehandlung einfach wieder in deinen Alltag zurückkehren möchtest, ist das völlig in Ordnung. Du musst keine große Lebensbilanz ziehen und auch nicht jeden Bereich deines Lebens hinterfragen.
Vielleicht war dein Leben vor der Diagnose schön. Vielleicht bist du mit deiner Arbeit zufrieden, liebst deine Familie und möchtest einfach wieder die Dinge tun, die dir Freude machen.
Dann darf das so bleiben.
Und wenn du spürst, dass du etwas verändern möchtest, darfst du das genauso tun.
Vielleicht hast du während der Behandlung gemerkt, wie sehr dich dein Job stresst. Vielleicht möchtest du dich nicht mehr ständig nach den Erwartungen anderer richten. Vielleicht gibt es einen Traum, den du schon lange vor dir herschiebst.
Dann kann jetzt ein guter Zeitpunkt sein, darüber nachzudenken.
Du musst aus deiner Erkrankung keine Lebenslektion machen. Aber du darfst die Erfahrungen, die du gemacht hast, nutzen, um herauszufinden, was dir heute wichtig ist.
Ich kann dir nur von meinem eigenen Weg erzählen. Für mich war es hilfreich, mich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Ich habe gemerkt, dass sich meine Prioritäten verändert hatten und ich manches bewusster gestalten wollte.
Das war meine persönliche Erfahrung. Und vielleicht ist es auch für dich eine Möglichkeit.
Wie war dein Leben vor der Diagnose wirklich?
Bevor du darüber nachdenkst, was du verändern möchtest, lohnt sich ein Blick zurück.
Nicht, um nach Fehlern oder möglichen Ursachen für deine Erkrankung zu suchen. Sondern um herauszufinden, was dir gutgetan hat, was dich belastet hat und was du dir für die Zukunft wünschst.
Vielleicht warst du schon vor der Diagnose unzufrieden mit deiner Arbeit. Vielleicht gab es Konflikte in der Familie, die dich viel Kraft gekostet haben. Vielleicht hattest du kaum Zeit für dich selbst.
Oder du stellst fest, dass vieles eigentlich gut war und du genau daran wieder anknüpfen möchtest.
Wenn du magst, nimm dir ein Blatt Papier und beantworte ein paar Fragen.
Wie zufrieden war ich vor der Diagnose mit meinem Leben?
Was hat mir Freude gemacht? Was hat mich regelmäßig geärgert oder belastet?
Wie habe ich meine Arbeit erlebt? Habe ich mich wertgeschätzt gefühlt? Waren meine Arbeitszeiten für mich in Ordnung?
Wie zufrieden war ich mit meinen Beziehungen? Gab es Konflikte, die mich viel Energie gekostet haben?
Habe ich genug Zeit mit den Menschen verbracht, die mir wichtig sind?
Habe ich mir ausreichend Zeit für mich selbst genommen?
Gibt es etwas, das ich schon lange einmal ausprobieren oder erleben wollte? Vielleicht ein Instrument lernen, ein Ehrenamt übernehmen, ein Haustier haben oder eine Reise machen?
Gibt es etwas, das ich gerne anders machen würde?
Du musst daraus keine große Lebensanalyse machen. Lass dir einfach Zeit und schau, welche Gedanken und Gefühle auftauchen.
Vielleicht erkennst du sofort, wo du etwas verändern möchtest. Vielleicht merkst du auch, dass du mit vielem zufrieden bist.
Beides ist eine wertvolle Erkenntnis.
Und bitte: Du musst nicht alles auf einmal verändern. Manchmal reicht es, einen Gedanken ernst zu nehmen und den ersten kleinen Schritt zu machen.
Wie ging es mit A und B weiter?
Stellen wir uns vor, beide Frauen haben ihre Akutbehandlung abgeschlossen. Sie freuen sich, dass dieser anstrengende Abschnitt hinter ihnen liegt. Beide müssen ihren Weg zurück in den Alltag finden.
A entscheidet sich für "Normalität"
A kehrt in ihren alten Job zurück. Sie ist froh, wieder arbeiten zu können und ihren gewohnten Alltag zu haben.
Die Beziehung zu ihren Schwiegereltern ist nach wie vor nicht einfach. Auch mit ihrem Mann gibt es gelegentlich Reibereien. Aber A möchte sich damit im Moment nicht weiter beschäftigen. Sie hat genug andere Dinge im Kopf und möchte ihre freie Zeit genießen.
Während der Behandlung hatte ihr Mann viel im Haushalt übernommen. Jetzt arbeitet er wieder länger, und beide müssen sich neu organisieren.
A freut sich, wieder essen zu können, worauf sie Lust hat. Die regelmäßigen Spaziergänge, die ihr während der Therapie gutgetan haben, sind im Alltag allerdings wieder seltener geworden.
Manchmal denkt sie darüber nach, was sie alles durchgemacht hat. Aber sie möchte nicht ständig in die Vergangenheit schauen.
Sie ist froh, dass sie ihr altes Leben weitgehend zurückhat.
Und das ist in Ordnung.
Vielleicht wird sie irgendwann etwas verändern wollen. Vielleicht auch nicht. Sie muss sich heute nicht festlegen.
B nutzt die Zeit, um manches neu zu sortieren
Auch B freut sich, dass die Akutbehandlung vorbei ist. Gleichzeitig möchte sie sich mit einigen Fragen beschäftigen, die während der vergangenen Monate in ihr aufgekommen sind.
Sie beginnt, Tagebuch zu schreiben. Abends notiert sie drei Dinge, für die sie dankbar ist. Das hilft ihr, die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen.
Sie denkt auch über ihre Beziehungen nach. Das Verhältnis zu ihren Eltern war früher schwierig. B versucht, ihre Kindheit aus heutiger Sicht zu betrachten und besser zu verstehen, was damals passiert ist.
Sie merkt, dass sie nicht alles aufarbeiten muss, um ihren Frieden damit zu finden. Manche Dinge kann sie heute anders sehen als früher. Ihre Eltern leben inzwischen nicht mehr, aber sie möchte nicht länger jeden alten Konflikt gedanklich mit sich herumtragen.
Auch ihren Job hinterfragt sie. Die Arbeit selbst macht ihr Spaß, aber die langen Arbeitszeiten belasten sie. Sie beschließt, mit ihrem Arbeitgeber über eine mögliche Reduzierung ihrer Stunden zu sprechen.
Und dann ist da noch ein alter Traum: B wollte schon immer Klavier spielen lernen. Jetzt meldet sie sich zu Unterrichtsstunden an.
Sie weiß nicht, ob daraus irgendwann etwas Größeres wird. Vielleicht bleibt es einfach ein Hobby. Das reicht ihr.
B versucht außerdem, sich im Alltag mehr Ruhe zu gönnen. Sie geht spazieren, liest wieder mehr und nimmt sich abends manchmal ein paar Minuten für eine Meditation.
Nicht jeden Tag klappt das. Manchmal ist sie müde oder hat keine Lust. Aber sie merkt, dass ihr diese kleinen Auszeiten guttun.
Sie möchte ihr Leben nicht komplett neu erfinden. Sie möchte es bewusster gestalten.
Zwei Frauen. Zwei Wege. Und beide dürfen ihren eigenen gehen.
A hat sich für ihr gewohntes Leben entschieden. B hat einige Dinge verändert.
Keine der beiden Entscheidungen ist automatisch besser. Und keine davon ist eine Garantie dafür, dass der Krebs nicht zurückkommt.
Das ist mir besonders wichtig.
Wir können nicht aus dem Lebensstil oder der Einstellung einer Frau ableiten, warum sie Brustkrebs bekommen hat oder ob sie einen Rückfall erleiden wird. Eine Erkrankung ist kein Beweis dafür, dass jemand falsch gelebt hat.
Aber wir können uns fragen, was uns guttut. Wir können lernen, unsere Bedürfnisse ernster zu nehmen, Beziehungen zu pflegen, Grenzen zu setzen und uns Zeit für Dinge zu nehmen, die uns Freude machen.
Nicht als Pflicht. Nicht aus Angst. Sondern weil unser Leben wertvoll ist.
Vielleicht erkennst du dich in A wieder. Vielleicht eher in B. Vielleicht bist du eine Mischung aus beiden.
Und vielleicht verändert sich deine Sichtweise mit der Zeit.
Du musst heute nicht wissen, wie du in fünf Jahren leben möchtest. Du darfst dich ausprobieren, deine Meinung ändern und neue Entscheidungen treffen.
Mein persönlicher Gedanke dazu
Ich selbst habe nach meiner Brustkrebserkrankung vieles hinterfragt. Meine Prioritäten haben sich verschoben, und ich wollte bewusster mit meiner Zeit umgehen.
Für mich war es hilfreich, mich mit meinen Wünschen, meinen Gedanken und meinen Gewohnheiten auseinanderzusetzen.
Aber ich möchte dir damit nicht sagen, dass du es genauso machen solltest. Jeder Mensch verarbeitet eine Erkrankung anders. Und manchmal besteht der wichtigste Schritt einfach darin, wieder Kraft zu sammeln und im Alltag anzukommen.
Wenn du spürst, dass du etwas verändern möchtest, dann fang klein an.
Vielleicht nimmst du dir wieder Zeit für ein Hobby. Vielleicht führst du ein Gespräch, das du schon lange aufschiebst. Vielleicht sagst du öfter Nein, wenn dir etwas zu viel wird.
Oder du stellst fest, dass du mit deinem Leben eigentlich zufrieden bist und gar nichts Grundlegendes ändern möchtest.
Auch das ist eine bewusste Entscheidung.
Dein Leben muss nach Brustkrebs nicht völlig anders sein. Aber du darfst neu entscheiden, wie du es leben möchtest.
Möchtest du dich ein bisschen mit dir selbst beschäftigen?
Ich habe dir ein Arbeitsblatt mit Fragen zusammengestellt, die dir dabei helfen können, über dein Leben vor und nach der Diagnose nachzudenken.
Such dir einen ruhigen Moment, nimm dir etwas zum Schreiben und beantworte die Fragen ganz in deinem Tempo.
Du musst niemandem deine Antworten zeigen. Es gibt keine richtigen oder falschen Ergebnisse.
Vielleicht entdeckst du etwas, das du gerne verändern möchtest. Vielleicht wird dir bewusst, was du an deinem bisherigen Leben besonders schätzt.
Beides kann dir helfen, deinen eigenen Weg zu finden.
Und wenn du dabei merkst, dass bestimmte Themen sehr schmerzhaft sind oder dich stark belasten, musst du sie nicht allein bearbeiten. Du darfst dir Unterstützung holen.
Ich wünsche dir, dass du herausfindest, was dir wichtig ist. Und dass du dir erlaubst, deinen Weg so zu gestalten, wie er zu dir passt.
Von Herzen alles Liebe. 💚
Diana


