Selbstfürsorge & Wohlbefinden

Singen verbindet – sogar unsere Herzen

Warum Singen Freude schenkt, uns verbinden kann und gerade in schwierigen Zeiten guttun darf.

Ich singe gerne. Unter der Dusche, im Auto oder beim Kochen. Meine Lieblingsplaylist läuft immer. Manchmal kenne ich jede Zeile auswendig, manchmal stimmt der Text nur ungefähr. Egal. Hauptsache, es macht Spaß.

Kennst du das auch? Du singst dein Lieblingslied mit und merkst plötzlich, dass du dich ein bisschen leichter fühlst. Die Gedanken sind für einen Moment woanders, du bist ganz bei der Musik.

Singen ist natürlich kein Wundermittel. Aber es kann etwas mit uns machen. Es bringt uns in Bewegung, verändert unsere Stimmung und kann Menschen miteinander verbinden.

Schauen wir uns einmal an, was wir darüber wissen.

Was beim Singen in deinem Körper passiert

Wenn wir singen, nutzen wir unsere Stimme, unsere Atemmuskulatur und viele Muskeln, die an der Erzeugung von Tönen beteiligt sind. Wir müssen den Atem einteilen, die Tonhöhe treffen und uns auf Rhythmus und Melodie konzentrieren.

Das allein macht Singen noch nicht zu einem Workout. Aber es ist eine Aktivität, bei der Körper und Kopf zusammen gefordert sind.

Und dann ist da noch die Stimmung. Ein Lied kann Erinnerungen wecken, uns zum Lächeln bringen oder uns mitten ins Herz treffen. Manchmal reicht schon die erste Zeile eines Songs und wir sind gedanklich wieder an einem ganz bestimmten Ort.

Kann Singen Stress reduzieren?

Vielleicht kennst du das: Du bist angespannt und fängst an, vor dich hin zu summen. Oder du drehst im Auto die Musik auf und singst einfach mit.

Viele Menschen erleben Singen als entspannend. Das kann unter anderem daran liegen, dass wir uns auf die Musik konzentrieren, den Atem bewusster einsetzen und für einen Moment aus dem Gedankenkarussell aussteigen.

Auch wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich mit den Zusammenhängen zwischen Singen, Stimmung und Stress. In einer Studie mit Chorsängerinnen und Chorsängern wurden nach dem Singen unter anderem Veränderungen bei der Stimmung und bestimmten biologischen Messwerten beobachtet.

Wenn Chorsänger im gleichen Rhythmus schwingen

Das finde ich besonders faszinierend: Beim gemeinsamen Singen können sich nicht nur unsere Stimmen, sondern auch bestimmte Rhythmen unseres Körpers aufeinander abstimmen.

Forschende haben untersucht, was mit der Atmung und der Herzfrequenz von Menschen passiert, wenn sie gemeinsam singen. Dabei zeigte sich, dass sich die Schwankungen der Herzfrequenz bei Chorsängerinnen und Chorsängern stärker synchronisieren können als in Ruhe. Besonders deutlich war dieser Effekt, wenn alle dieselbe Melodie sangen.

Warum passiert das? Ein wichtiger Faktor ist unsere Atmung. Beim Singen atmen wir nicht einfach beliebig ein und aus. Wir orientieren uns an den musikalischen Phrasen, halten gemeinsam Töne und setzen an ähnlichen Stellen wieder ein. Das kann dazu beitragen, dass sich auch die rhythmischen Veränderungen der Herzfrequenz aufeinander abstimmen.

Ist das nicht faszinierend? Menschen kommen zusammen, singen dieselbe Melodie und ihre Körper zeigen dabei messbare Gemeinsamkeiten.

Was das langfristig für die Gesundheit bedeutet, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber es ist ein spannender Hinweis darauf, wie eng Musik, Atmung und gemeinsames Erleben miteinander verbunden sein können.

Für mich ist entscheidend: Wenn dir Singen guttut, dann singe. Ohne dass du daraus eine Gesundheitsmaßnahme machen musst.

Singen gegen Angst? Nicht ganz so einfach.

Wenn ich Angst habe, zum Beispiel wenn ich im Dunkeln unterwegs bin, kann es mir helfen, vor mich hin zu summen. Vielleicht kennst du das ebenfalls.

Die Konzentration auf eine Melodie kann uns für einen Moment von beunruhigenden Gedanken ablenken. Und wenn wir gemeinsam singen, kommt noch etwas dazu: Wir erleben andere Menschen, hören ihre Stimmen und fühlen uns möglicherweise weniger allein.

Auch in der Forschung gibt es Hinweise darauf, dass gemeinsames Singen Ängste lindern kann. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 untersuchte dazu Studien mit Menschen, die an Krebs erkrankt waren, und ihren Angehörigen.

Die Ergebnisse waren ermutigend. Gleichzeitig war die Zahl der Studien klein und ihre wissenschaftliche Qualität insgesamt begrenzt.

Viele behaupten sogar, dass Singen Angst verschwinden lässt oder dass man nicht gleichzeitig singen und Angst empfinden kann. Das weiß ich nicht. Angst ist komplex. Wenn sie stark ist oder länger anhält, darfst du dir professionelle Unterstützung holen.

Aber vielleicht hilft dir ein Lied, für einen Moment wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Und das ist doch schon etwas.

Wie Singen uns verbindet

Ich finde, das ist einer der schönsten Aspekte: Singen muss keine Leistung sein. Es kann Menschen zusammenbringen, die sonst vielleicht wenig miteinander zu tun hätten.

Denk nur an ein Stadion, in dem Tausende Menschen gemeinsam singen. Oder an ein Lied, das bei einem Familienfest plötzlich alle kennen. Für einen Moment entsteht etwas Gemeinsames.

Auch Chöre können diese Verbindung schaffen. Man hört aufeinander, stimmt sich ab und erlebt, dass jede Stimme dazugehört. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, gemeinsam etwas entstehen zu lassen.

Studien zum gemeinschaftlichen Singen beschreiben mögliche positive Effekte auf soziale Verbundenheit und einzelne Bereiche des Wohlbefindens. Wie stark diese Effekte ausfallen, hängt allerdings auch von den Menschen, der Situation und dem jeweiligen Angebot ab.

Singen während und nach einer Krebserkrankung

Gerade bei Krebs kann der Alltag sehr stark von Terminen, Untersuchungen und Sorgen geprägt sein. Manchmal dreht sich vieles nur noch um die Erkrankung.

Ein gemeinsames Lied kann dann ein kleiner Gegenpol sein. Ein Moment, in dem nicht die Diagnose im Mittelpunkt steht, sondern Musik, Gemeinschaft und das Leben außerhalb der Behandlung.

Nicht, dass Singen eine Krebstherapie ersetzt oder nachweislich Krebszellen bekämpft. Es kann aber eine unterstützende Aktivität sein, die Freude macht und Begegnungen ermöglicht.

Die erwähnte Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 fand Hinweise auf mögliche Verbesserungen bei Ängsten und einzelnen Aspekten der Lebensqualität. Ein eindeutiger Effekt auf Erschöpfung ließ sich dagegen nicht zeigen.

Mir gefällt an solchen Angeboten besonders, dass niemand etwas beweisen muss. Niemand muss stark sein, gute Laune haben oder über die Krankheit sprechen. Man darf einfach mitmachen, zuhören oder erst einmal schauen, ob es sich gut anfühlt.

Chöre und Projekte für Menschen mit Krebs

Auch in Deutschland gibt es solche Angebote.

CHORAZON an der Uniklinik Düsseldorf ist ein Chor für Menschen mit einer Krebserkrankung sowie Angehörige, Freundinnen, Freunde und Unterstützende. Im Mittelpunkt stehen gemeinsames Singen, Austausch und eine gute Zeit miteinander.

Auf der Website der Krebsberatungsstelle findest du weitere Informationen zum Angebot und zur Kontaktaufnahme.

Vielleicht gibt es auch in deiner Nähe einen Chor, eine Musikgruppe oder ein anderes Angebot für Menschen mit und nach Krebs. Es muss nicht ausdrücklich ein Krebschor sein. Manchmal reicht ein Chor, bei dem du dich willkommen fühlst.

Wenn du gerade in Behandlung bist, achte natürlich darauf, was dir körperlich möglich ist, und frage bei Unsicherheiten dein Behandlungsteam.

Singen macht Lebensmut

Eine Krebserkrankung kann vieles verändern: den Blick auf den eigenen Körper, den Alltag, Beziehungen und die eigene Zukunft. Manchmal fehlt die Energie für Dinge, die früher selbstverständlich waren.

Vielleicht möchtest du dann nicht gleich in einen Chor eintreten. Vielleicht reicht es, dein Lieblingslied anzumachen und leise mitzusingen.

Oder du suchst dir jemanden, mit dem du gemeinsam singen kannst. Vielleicht entdeckst du ein altes Lied wieder, das dich an eine schöne Zeit erinnert.

Singen kann dir einen Moment schenken, in dem du dich nicht nur als Patientin oder Patient erlebst, sondern als Mensch mit Vorlieben, Erinnerungen und Freude.

Einfach mal loslegen!

Du musst kein Profi sein. Du musst keinen Ton treffen und auch niemandem etwas vorsingen.

Mach deine Lieblingsmusik an. Sing unter der Dusche, im Auto, beim Kochen oder bei einem Karaoke-Abend mit Freunden. Wenn du lieber in Gemeinschaft singst, schau dich nach einem passenden Chor um, vielleicht auch ein Kirchenchor.

Vielleicht hebt sich deine Stimmung. Vielleicht tut dir die Bewegung beim Singen gut. Vielleicht genießt du einfach den Moment.

Singen muss nichts leisten.

Für mich ist es eine einfache Erinnerung daran, dass Lebensfreude manchmal in ganz kleinen Dingen steckt. Also: Stimme frei und einfach lossingen! 🎵

 

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Singen kann das Wohlbefinden unterstützen, ersetzt aber keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.

 

Quellen und weiterführende Informationen

1. Bains K. K. et al. (2024): A systematic review of change in symptoms, well-being and quality of life with group singing in people with cancer and their caregivers.
Systematische Übersichtsarbeit zu gemeinsamem Singen bei Menschen mit Krebs und ihren Angehörigen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38520544/

2. Kreutz G. et al. (2004): Effects of choir singing or listening on secretory immunoglobulin A, cortisol, and emotional state.
Studie zu kurzfristigen Veränderungen der Stimmung und biologischer Messwerte beim Chorsingen. Die Ergebnisse belegen keine langfristige Stärkung des Immunsystems.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15669447/

3. Vickhoff B. et al. (2013): Music structure determines heart rate variability of singers.
Untersuchung dazu, wie gemeinsames Singen und die Atemstruktur mit der Herzfrequenzvariabilität zusammenhängen.
https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2013.00334/full

4. Uniklinik Düsseldorf: Gruppenangebote der Krebsberatungsstelle – CHORAZON
Informationen zum Chor für Menschen mit Krebs und ihre Angehörigen, Freundinnen, Freunde und Unterstützende.
https://www.uniklinik-duesseldorf.de/patienten-besucher/klinikeninstitutezentren/universitaetstumorzentrum-utzonkologisches-zentrum/fuer-patienten/krebsberatungsstelle/gruppenangebote

Singen, Stimmung und körperliche Reaktionen

Kreutz G. et al. (2004): Effects of choir singing or listening on secretory immunoglobulin A, cortisol, and emotional state.
Untersuchung zu kurzfristigen Veränderungen der Stimmung und des Speichelmarkers sIgA beim Chorsingen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15669447/

Müller V. & Lindenberger U. (2011): Cardiac and Respiratory Patterns Synchronize between Persons during Choir Singing.
Studie zur Synchronisation von Atmung und Herzfrequenzvariabilität beim gemeinsamen Singen.
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0024893

Vickhoff B. et al. (2013): Music Structure Determines Heart Rate Variability of Singers.
Untersuchung zum Einfluss musikalischer Struktur und Atmung auf die Herzfrequenzvariabilität beim Singen.
https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2013.00334/full

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