Persönliches & Leben
Therapie beendet - Und nun?
Wenn nach der Brustkrebsbehandlung plötzlich eine Lücke entsteht
Hast du deine Brustkrebsbehandlung gerade hinter dich gebracht? Hattest du deine letzte Chemotherapie oder Bestrahlung? Vielleicht warst du auch schon zur Anschlussheilbehandlung und konntest dich dort von den Strapazen der vergangenen Monate erholen.
Dann erst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Du hast eine anstrengende Zeit hinter dir. 💚
So viele Arzttermine, unzählige Blutabnahmen, Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung und vieles mehr. Dein Alltag war über Monate von der Behandlung bestimmt. Du hast funktioniert, Termine wahrgenommen und dich durch eine Zeit gekämpft, die dir körperlich und mental einiges abverlangt hat.
Und jetzt?
Jetzt ist die Akutbehandlung vorbei. Vielleicht freust du dich riesig, endlich wieder mehr selbst bestimmen zu können. Vielleicht möchtest du erst einmal schlafen, dich erholen und deinen Körper langsam wieder aufpäppeln.
Das kann ich gut verstehen.
Aber manchmal passiert nach dem Ende der Behandlung etwas, womit man vorher gar nicht gerechnet hat.
Das Therapie-Loch: Wenn plötzlich niemand mehr sagt, was als Nächstes kommt
Während der Behandlung bist du engmaschig betreut worden. Es gab Termine, Untersuchungen und einen klaren Ablauf. Du wusstest, wann du wo sein musstest und was als Nächstes anstand.
Und dann wird es plötzlich ruhiger.
Die regelmäßigen Behandlungstermine fallen weg. Du musst nicht mehr ständig in die Klinik. Natürlich gibt es weiterhin die Nachsorge, aber der Alltag sieht auf einmal ganz anders aus.
Vielleicht fühlst du dich erleichtert. Vielleicht bist du aber auch unsicher, leer oder sogar ein bisschen verloren.
Ich kann mir vorstellen, dass du dich fragst: War's das jetzt? Wie geht es weiter? Und warum fühle ich mich nicht einfach nur glücklich?
Wenn es dir so geht, bist du damit nicht allein.
Manche Frauen erleben nach dem Ende der Akutbehandlung ein regelrechtes Loch. Während der Therapie war so viel los, dass kaum Zeit blieb, alles zu verarbeiten. Jetzt, wo der Alltag langsam zurückkehrt, kommen plötzlich die Gedanken und Gefühle hoch.
Vielleicht merkst du auch erst jetzt, wie erschöpft du wirklich bist.
Du musst nach dem Therapieende nicht sofort wieder funktionieren. Du darfst dir Zeit nehmen, um dich zu erholen und dich in deinem neuen Alltag zurechtzufinden.
Und du musst auch nicht sofort wissen, wie es weitergehen soll.
Was mache ich jetzt mit meinem Leben?
Vielleicht gehörst du zu den Frauen, die sich nach der Behandlung erst einmal nach Normalität sehnen. Du möchtest wieder arbeiten, Freunde treffen, verreisen und einfach dein gewohntes Leben zurückhaben.
Das ist völlig in Ordnung.
Vielleicht stellst du aber auch fest, dass sich etwas verändert hat. Dinge, die dir früher wichtig waren, fühlen sich plötzlich nicht mehr so wichtig an. Du fragst dich, ob du wirklich so weitermachen möchtest wie bisher.
Vielleicht tauchen Fragen auf wie:
- Was möchte ich mit meinem Leben anfangen?
- Passt meine Arbeit noch zu mir?
- Welche Träume oder Wünsche habe ich bisher aufgeschoben?
- Möchte ich etwas verändern?
- Oder möchte ich einfach wieder in meinen gewohnten Alltag zurückkehren?
Es gibt darauf keine richtige oder falsche Antwort.
Ich kenne Frauen, die nach ihrer Erkrankung ihren Job aufgegeben, ein Ehrenamt übernommen oder ihr Leben bewusst entschleunigt haben. Andere wollten vor allem wieder in ihren Alltag zurückfinden.
Beides ist vollkommen legitim.
Du musst nicht dein ganzes Leben umkrempeln, nur weil du Brustkrebs hattest.
Ich selbst hätte damals am liebsten einfach mein altes Leben zurückgehabt. Ich wollte, dass alles wieder so wird wie vorher.
Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass sich meine Prioritäten verschoben hatten. Ich wollte bewusster mit meiner Zeit umgehen und mich selbst nicht ständig hinten anstellen.
Ich wollte mehr Pippi Langstrumpf und weniger Annika sein.
Mal ein bisschen mutiger. Unangepasster. Auch mal ein richtiger Bad-Ass. 😉
Und vor allem wollte ich lernen, Nein zu sagen. Freundlich, aber bestimmt.
Nicht aus Egoismus, sondern weil ich verstanden habe, dass auch meine Bedürfnisse zählen.
Vielleicht geht es dir ähnlich. Vielleicht auch nicht. Du musst dich nicht verändern, um anderen oder irgendeiner Vorstellung davon gerecht zu werden, wie man nach Krebs leben sollte.
Es ist dein Leben. Du entscheidest, was sich für dich richtig anfühlt.
Mein Tipp: Betrachte dein Leben wie einen Blumenstrauß
Stell dir dein Leben einmal wie einen großen Blumenstrauß vor.
Du kannst dir die Blumen aussuchen, die dir gefallen. Du kannst neue hinzufügen, andere weglassen und den Strauß immer wieder neu zusammenstellen.
Vielleicht möchtest du mehr Zeit mit deiner Familie verbringen. Vielleicht möchtest du reisen, ein Buch schreiben oder etwas lernen, das dich schon lange interessiert.
Vielleicht möchtest du weniger arbeiten, dich mehr bewegen oder einfach mehr Zeit für dich haben.
Du musst nicht alles auf einmal entscheiden.
Aber vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, einmal in Ruhe darüber nachzudenken, was dir wirklich wichtig ist.
Ich habe vier Ideen für dich, wie du die Zeit nach der Akutbehandlung bewusst für dich nutzen kannst.
1. Träume ruhig ein bisschen größer: Deine persönliche Bucket List
Hast du schon einmal eine Bucket List erstellt? Das ist eine Liste mit Dingen, die du in deinem Leben gerne erleben, ausprobieren oder erreichen möchtest.
Dabei geht es zunächst gar nicht darum, ob alles realistisch ist oder ob du es tatsächlich umsetzen wirst. Lass deiner Fantasie einfach freien Lauf.
Was würdest du gerne machen, wenn du dir selbst keine Grenzen setzen würdest?
Vielleicht möchtest du:
- ein Ehrenamt übernehmen
- ein Instrument spielen oder eine neue Sprache lernen
- eine lange ersehnte Reise machen
- ein Buch schreiben
- einen alten Streit beilegen
- eine Tierpatenschaft übernehmen
Es müssen aber nicht immer die großen Abenteuer sein.
Vielleicht möchtest du weniger arbeiten, mehr Zeit mit deiner Familie verbringen, einen neuen Job suchen oder deinen Alltag entschleunigen.
Schreib alles auf, was dir einfällt. Ohne dich gleich zu fragen, ob es vernünftig ist oder ob du es schaffen kannst.
Und wenn du magst, überlege dir anschließend einen kleinen ersten Schritt.
Du möchtest eine neue Sprache lernen? Dann schau dir einen Kurs an. Du träumst von einer Reise? Dann informiere dich über mögliche Ziele. Du möchtest mehr Zeit für dich haben? Dann reserviere dir bewusst einen freien Nachmittag.
Manchmal wird aus einem Gedanken etwas Konkretes, wenn wir den ersten Schritt machen.
Und wenn du deine Liste zusammen mit einer Freundin erstellst, macht es vielleicht sogar noch mehr Spaß.
Es geht nicht darum, möglichst viele Punkte abzuhaken. Es geht darum, herauszufinden, worauf du dich freuen möchtest.
2. Sei gut zu deinem Körper
Dein Körper hat während der Erkrankung und Behandlung viel durchgemacht. Vielleicht hat er sich verändert. Vielleicht fühlst du dich noch lange nicht so fit wie früher.
Gib dir Zeit.
Ich finde, wir dürfen lernen, unseren Körper nicht nur danach zu beurteilen, was er leisten kann oder wie er aussieht. Wir dürfen auch wahrnehmen, was er jeden Tag für uns tut.
Vielleicht hilft dir der Gedanke, deinen Körper wie einen Ort zu betrachten, an dem du zu Hause bist. Einen Ort, den du pflegen und gut behandeln möchtest.
Du bekommst keinen zweiten Körper. Deshalb lohnt es sich, freundlich mit ihm umzugehen.
Das bedeutet nicht, dass du für deine Erkrankung verantwortlich bist oder dass du etwas falsch gemacht hast. Brustkrebs entsteht nicht einfach deshalb, weil wir zu viel Stress haben, uns falsch ernähren oder zu wenig auf uns achten.
Aber du kannst heute Entscheidungen treffen, die dir guttun.
Vielleicht möchtest du dich ausgewogener ernähren, wieder mehr Bewegung in deinen Alltag bringen oder dir bewusst Ruhe gönnen. Vielleicht möchtest du herausfinden, was dir Energie gibt und was dich eher erschöpft.
Du musst dafür nicht gleich dein ganzes Leben umstellen. Kleine Veränderungen können ein guter Anfang sein.
Und bitte vergleiche dich nicht mit anderen. Dein Körper hat seine eigene Geschichte, und deine Erholung braucht möglicherweise mehr Zeit, als du dir wünschst.
Du musst nicht sofort wieder die Alte sein. Du darfst herausfinden, was dir heute guttut.
3. Lass dich nicht von jeder Schreckensmeldung aus der Bahn werfen
Kennst du das?
Du hörst, dass ein Prominenter an Krebs gestorben ist. Eine Bekannte erzählt dir von ihrer Diagnose. Oder jemand berichtet von einem Rückfall nach vielen Jahren.
Und plötzlich ist die eigene Angst wieder da.
Ich kenne das von mir selbst. Ich habe solche Nachrichten früher oft auf mich bezogen und mich gefragt: Könnte mir das auch passieren? Bedeutet das, dass ich ebenfalls einen Rückfall bekommen werde?
Dabei sind wir nicht dieselbe Person. Wir haben unterschiedliche Krankheitsverläufe, Behandlungen und Voraussetzungen. Aus der Geschichte eines anderen Menschen lässt sich nicht einfach ableiten, wie die eigene Zukunft aussehen wird.
Das klingt vielleicht selbstverständlich. Aber wenn man selbst Krebs hatte, können solche Nachrichten ganz schön aufwühlen.
Was mir geholfen hat, war, mir bewusst zu machen: Das ist die Geschichte eines anderen Menschen. Sie ist nicht automatisch meine Geschichte.
Natürlich kann niemand eine Garantie für die Zukunft geben. Auch nach einer erfolgreichen Behandlung bleibt die Nachsorge wichtig. Aber du musst nicht jede traurige Nachricht gedanklich zu deiner eigenen machen.
Wenn du merkst, dass dich solche Berichte stark belasten, darfst du dich auch bewusst davon distanzieren. Du musst nicht jede Nachricht lesen und nicht jede Geschichte bis ins Detail verfolgen.
Richte deinen Blick auch auf die Dinge, die dir im Hier und Jetzt guttun. Auf Menschen, die dir Kraft geben. Auf Erlebnisse, auf die du dich freust. Auf kleine Momente, die deinen Tag schön machen.
Und wenn die Angst vor einem Rückfall immer wiederkommt und deinen Alltag bestimmt, musst du damit nicht allein bleiben. Sprich mit deinem Behandlungsteam oder lass dich psychoonkologisch beraten.
Es ist völlig in Ordnung, sich Unterstützung zu holen.
Und was ist mit den kleinen Zipperlein?
Vielleicht kennst du das ebenfalls: Es zieht irgendwo, es zwickt an einer ungewohnten Stelle und schon geht das Gedankenkarussell los.
Oh je, was ist das jetzt? Könnte der Krebs zurück sein?
Nach einer Brustkrebsbehandlung kann man sehr aufmerksam auf den eigenen Körper werden. Das ist verständlich. Schließlich hat man erlebt, dass eine Erkrankung nicht immer sofort bemerkt wird.
Gleichzeitig können Beschwerden viele unterschiedliche Ursachen haben. Nach einer Operation können beispielsweise Narben, veränderte Gewebeverhältnisse oder Verspannungen zu Beschwerden führen.
Ich habe selbst immer wieder mit Verspannungen im Brust- und Rippenbereich zu tun. Mein Körper fühlt sich nach der Mastektomie anders an als früher.
Trotzdem gilt: Nicht jedes Zwicken ist ein Grund zur Panik, aber neue oder anhaltende Beschwerden sollte man auch nicht einfach ignorieren.
Wenn du etwas bemerkst, das neu ist, nicht verschwindet oder dich beunruhigt, lass es ärztlich abklären. Dafür sind die Nachsorgetermine da, und du darfst dich auch zwischen diesen Terminen melden.
Mit der Zeit kann es dir leichter fallen, zwischen deiner Angst und dem zu unterscheiden, was du tatsächlich wahrnimmst.
Du musst nicht jedes Symptom sofort als Katastrophe interpretieren. Du musst aber auch nicht tapfer abwarten, wenn du dir Sorgen machst.
4. Vertraue dir selbst und finde deinen eigenen Weg
Während der Behandlung war vieles fremdbestimmt. Andere haben Entscheidungen erklärt, Termine festgelegt und den nächsten Schritt geplant.
Jetzt darfst du langsam wieder herausfinden, was dir wichtig ist und was du selbst beeinflussen kannst.
Vielleicht möchtest du dich intensiver mit dir beschäftigen. Vielleicht tut dir die Natur gut, ein Spaziergang im Wald, Yoga oder Meditation.
Vielleicht möchtest du dich von Gewohnheiten verabschieden, die dir nicht guttun. Oder du stellst fest, dass bestimmte Menschen dir mehr Energie nehmen, als sie dir geben.
Nimm solche Gedanken ruhig ernst. Du darfst Grenzen setzen und Entscheidungen treffen, die zu dir passen.
Ich persönlich finde es hilfreich, die eigenen Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen. Welche Gedanken unterstützen mich? Welche machen mir das Leben unnötig schwer? Wo stehe ich mir selbst im Weg?
Dabei geht es nicht darum, ständig positiv denken zu müssen. Du darfst traurig sein, wütend werden und auch einmal einen schlechten Tag haben.
Achtsamkeit bedeutet für mich nicht, immer gelassen zu sein. Es bedeutet eher, wahrzunehmen, wie es mir gerade geht, und möglichst freundlich mit mir selbst umzugehen.
Vielleicht hilft es dir, Zeit in der Natur zu verbringen. Vielleicht möchtest du wieder mehr lachen, etwas Neues ausprobieren oder einfach öfter Nein sagen.
Finde heraus, was dir Kraft gibt.
Du musst dabei nicht alles allein schaffen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Unterstützung zu holen.
Du darfst dein Leben neu sortieren. Aber du musst nicht.
Wenn ich dir zum Schluss etwas mitgeben möchte, dann dies:
Das Ende der Akutbehandlung ist ein wichtiger Schritt. Aber es bedeutet nicht, dass du von heute auf morgen wieder ganz gesund, voller Energie und frei von Ängsten sein musst.
Vielleicht brauchst du erst einmal Zeit, um dich zu erholen. Vielleicht möchtest du etwas verändern. Vielleicht möchtest du einfach wieder deinen Alltag leben.
Alles darf sein.
Du musst aus deiner Erkrankung keine große Lebenslektion machen. Du musst nicht dankbar sein, Krebs gehabt zu haben. Und du musst auch nicht beweisen, dass du besonders stark bist.
Du darfst einfach du selbst sein. Mit allem, was du erlebt hast, und mit allem, was noch vor dir liegt.
Vielleicht haben sich deine Prioritäten verschoben. Vielleicht weißt du heute besser, was du möchtest und was nicht. Vielleicht entdeckst du Seiten an dir, die vorher wenig Raum hatten.
Dann nimm das mit. Nicht, weil du es musst, sondern weil es dir guttut.
Und vergiss deinen Blumenstrauß nicht. Pflücke dir die schönsten Blumen. Nicht alle auf einmal und nicht nach dem Geschmack anderer Menschen.
Sondern die, die zu dir passen.
Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen eigenen Weg findest. In deinem Tempo und auf deine Weise. 💚
Diana

