Persönliches & Leben
Tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein
Wenn das Leben nach Brustkrebs nach Veränderung ruft.
„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“
Dieses Zitat von Christian Morgenstern mag ich sehr. Es erinnert mich daran, dass wir nicht für immer so weiterleben müssen wie bisher. Manchmal dürfen wir etwas verändern. Und manchmal merken wir erst durch einen besonderen Moment, dass es an der Zeit sein könnte.
Vor einiger Zeit war ich im Ausland und fuhr mit dem Taxi vom Flughafen zu meiner Unterkunft. Die Straßen waren hoffnungslos verstopft. Es ging nur im Stop-and-go voran.
Ich unterhielt mich mit dem Taxifahrer und meinte, dass das doch furchtbar sein müsse. Dieser Verkehr, jeden Tag. Ständig stehen, wieder ein paar Meter fahren, erneut warten.
Seine Antwort hat mich überrascht.
Er meinte sinngemäß: „Ich darf das nicht als stressig ansehen. Wenn ich das jeden Tag so empfinden würde, wäre dieser Job nichts für mich. Meine Aufgabe ist es, Sie von einem Ort zum anderen zu bringen. Genau das tue ich. Und mein Service ist das, worauf es ankommt.“
Ich fand das erstaunlich klug. Da saß ein Mann, der wahrscheinlich nicht jeden Tag darüber nachdachte, wie man ein erfüllteres Leben führt. Und trotzdem hatte er für sich eine Haltung gefunden, die ihm den Alltag leichter machte.
Den Stau konnte er nicht ändern. Aber er konnte entscheiden, wie er mit dieser Situation umging.
Natürlich lässt sich nicht jedes Problem durch eine andere Einstellung lösen. Das wäre zu einfach. Es gibt Dinge, die uns belasten, und Situationen, die wir verändern müssen oder schlicht nicht beeinflussen können.
Aber manchmal lohnt es sich, innezuhalten und sich eine Frage zu stellen:
Muss es so bleiben, wie es ist? Oder könnte ich etwas anders machen?
Wenn nach Brustkrebs plötzlich vieles anders aussieht
Eine Krebsdiagnose kann den Blick auf das eigene Leben verändern. Zumindest habe ich das bei vielen Frauen erlebt, die ich begleitet habe. Und vielleicht kennst du dieses Gefühl auch.
Vorher lief vieles einfach so nebenher. Der Beruf, die Familie, die Verpflichtungen, die Erwartungen anderer. Man machte, was eben zu tun war. Vielleicht war man ständig beschäftigt und hatte kaum Zeit, sich zu fragen, ob das alles eigentlich noch zu einem passt.
Und dann kommt diese Diagnose. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr selbstverständlich.
Während der Behandlung geht es zunächst darum, die nächsten Schritte zu bewältigen. Man versucht, den Alltag irgendwie aufrechtzuerhalten, Termine zu organisieren und mit den eigenen Gefühlen klarzukommen.
Und irgendwann kommt vielleicht der Moment, in dem du dich fragst: Wie möchte ich eigentlich weiterleben?
Vielleicht stellst du fest, dass dein bisheriger Job nicht mehr zu dir passt. Vielleicht möchtest du nicht länger ständig für alle anderen da sein. Vielleicht hast du genug von Dingen, die du jahrelang aus Pflichtgefühl getan hast.
Oder du stellst fest, dass vieles weiterhin genau richtig ist. Dass du deinen Beruf liebst, deine Beziehungen schätzt und gar nicht alles verändern möchtest.
Beides ist vollkommen in Ordnung.
Eine Krebsdiagnose verpflichtet dich nicht dazu, ein neues Leben zu beginnen. Du musst keine große Erkenntnis gewinnen, keinen radikalen Schnitt machen und auch nicht plötzlich jeden Tag genießen.
Aber du darfst genauer hinschauen.
1. Spüre einmal in dich hinein
Ich glaube, wir verbringen oft erstaunlich wenig Zeit damit, uns selbst zuzuhören.
Wir wissen, was andere von uns erwarten. Wir kennen unsere Termine und Aufgaben. Aber wissen wir auch, was uns Energie gibt und was uns zunehmend Kraft kostet?
Vielleicht magst du dir einmal in Ruhe ein paar Fragen stellen:
- Was tut mir wirklich gut?
- Bei welchen Menschen fühle ich mich wohl und kann einfach ich selbst sein?
- Welche Aufgaben erledige ich nur noch aus Gewohnheit?
- Was würde ich gerne häufiger tun, wenn ich mir dafür Zeit nehmen würde?
Du musst nicht sofort Antworten finden. Manchmal reicht es, solche Fragen eine Weile mit dir herumzutragen.
Ich finde es hilfreich, Gedanken aufzuschreiben. Wenn sie auf dem Papier stehen, lassen sie sich manchmal leichter sortieren. Und vielleicht erkennst du dabei etwas, das dir vorher gar nicht so bewusst war.
2. Probiere einen Perspektivwechsel aus
Daran musste ich nach meinem Gespräch mit dem Taxifahrer immer wieder denken.
Er konnte den Verkehr nicht verändern. Aber er hatte einen Weg gefunden, sich nicht jeden Tag darüber aufzuregen.
Das heißt nicht, dass wir jede unangenehme Situation einfach hinnehmen sollten. Wenn ein Job krank macht, eine Beziehung dauerhaft belastet oder die Aufgaben im Alltag zu viel werden, darf sich selbstverständlich etwas ändern.
Doch manchmal kämpfen wir gegen Dinge an, die sich gerade nicht ändern lassen. Das kostet Kraft, die wir an anderer Stelle gut gebrauchen könnten.
Vielleicht hilft dann eine andere Frage.
Statt: „Warum passiert mir das jetzt auch noch?“
Könntest du überlegen: „Was brauche ich gerade, um mit dieser Situation besser zurechtzukommen?“
Oder statt: „Ich schaffe das alles nicht mehr.“
Vielleicht: „Was davon muss wirklich heute erledigt werden? Und was darf warten?“
Das ist kein Zaubertrick. Und es wird nicht jede Situation leichter machen. Aber manchmal eröffnet eine andere Sichtweise einen kleinen Handlungsspielraum.
Du kannst das einmal ausprobieren: Schreib eine Situation auf, die dich belastet. Überlege anschließend, was du daran tatsächlich verändern kannst und was im Moment außerhalb deiner Möglichkeiten liegt.
Vielleicht entdeckst du einen kleinen Schritt, den du bisher übersehen hast.
3. Fang klein an
Wenn wir feststellen, dass etwas nicht mehr passt, denken wir schnell in großen Kategorien.
Ein neuer Job. Ein Umzug. Eine Trennung. Ein völlig anderer Alltag.
Manchmal sind große Veränderungen tatsächlich notwendig. Oft ist es aber gar nicht nötig, gleich das ganze Leben auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht beginnst du damit, eine Aufgabe abzugeben. Du sagst eine Verabredung ab, auf die du eigentlich keine Lust hast. Du gehst nach der Arbeit noch eine Runde spazieren, statt sofort die nächste Aufgabe anzufangen.
Vielleicht meldest du dich für einen Malkurs an, nimmst ein altes Hobby wieder auf oder verbringst mehr Zeit mit Menschen, bei denen du dich wohlfühlst.
Kleine Veränderungen können uns zeigen, wie sich etwas Neues anfühlt. Sie können uns Mut machen, weitere Schritte zu überlegen.
Und manchmal merken wir dabei auch, dass wir gar nicht so viel verändern möchten, wie wir zunächst gedacht hatten.
4. Sammle deine kleinen Mutmomente
Ich finde, wir unterschätzen häufig, was wir im Alltag alles bewältigen.
Wir erinnern uns an die großen Dinge, die nicht geklappt haben, an unsere Fehler und an das, was noch vor uns liegt. Aber die kleinen Momente, in denen wir mutig waren, gehen oft unter.
Vielleicht hast du beim Arzt eine Frage gestellt, obwohl du dich nicht getraut hast.
Vielleicht hast du jemandem gesagt, dass dir etwas zu viel wird.
Vielleicht hast du eine Aufgabe abgegeben, statt wie immer alles allein zu erledigen.
Oder du hast dir erlaubt, einen Tag lang einfach nichts leisten zu müssen.
All das sind kleine Schritte.
Ich mag die Idee eines „Mut-Kontos“. Schreib dir am Abend eine Sache auf, bei der du heute deinen Mut zusammengenommen hast. Es muss nichts Großes sein.
Wenn du nach einigen Wochen zurückblickst, siehst du vielleicht, dass du bereits einiges bewegt hast.
Nicht, weil du jeden Tag über dich hinausgewachsen bist. Sondern weil du angefangen hast, deine eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen.
5. Du darfst auch einmal unbequem sein
Gerade wir Frauen haben manchmal gelernt, es allen recht machen zu wollen. Wir kümmern uns, springen ein, halten durch und möchten niemanden enttäuschen.
Und dann wundern wir uns, dass unsere eigene Energie irgendwann aufgebraucht ist.
Nach einer Brustkrebserkrankung kann sich der Blick darauf verändern. Vielleicht stellst du fest, dass du deine Zeit anders nutzen möchtest. Vielleicht hast du weniger Lust, dich mit Dingen zu beschäftigen, die dich schon lange belasten.
Du darfst dann auch einmal Nein sagen.
Nein zu einer Aufgabe, die du gerade nicht übernehmen kannst.
Nein zu einer Verabredung, wenn du Ruhe brauchst.
Nein zu Erwartungen, die nicht mehr zu dir passen.
Du musst dich dafür nicht rechtfertigen und auch nicht jedes Nein ausführlich erklären. Natürlich gehören Kompromisse zum Leben. Aber es ist ein Unterschied, ob du dich bewusst für etwas entscheidest oder ständig über deine eigenen Grenzen gehst.
Ein Satz, den ich in diesem Zusammenhang mag, lautet:
„If you don't like how things are – change it. You're not a tree.“ (Jim Rohn)
Frei übersetzt: Wenn dir nicht gefällt, wie die Dinge sind, dann verändere etwas. Du bist schließlich kein Baum.
Ich finde, das bringt es schön auf den Punkt. Wir müssen nicht immer an derselben Stelle stehen bleiben.
Und wenn du im Moment nichts verändern kannst, ist das ebenfalls in Ordnung. Manchmal braucht es Zeit, Kraft oder Unterstützung, bevor ein nächster Schritt möglich wird.
6. Du musst nicht alles allein schaffen
Veränderungen können aufregend sein. Sie können aber auch Angst machen.
Vielleicht weißt du genau, dass du etwas ändern möchtest, traust dich aber nicht. Vielleicht bist du unsicher, welcher Schritt der richtige ist. Oder du hast gerade schlicht nicht genug Energie, dich um noch eine weitere Baustelle zu kümmern.
Dann darfst du dir Unterstützung holen.
Vielleicht sprichst du mit einer Freundin, die dich gut kennt. Vielleicht hilft dir der Austausch mit anderen Frauen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Manchmal ist es entlastend, mit jemandem zu reden, der nicht sofort eine Lösung präsentiert, sondern einfach zuhört.
Auch eine psychologische Beratung, eine Psychotherapie oder eine andere professionelle Unterstützung kann hilfreich sein, wenn du dich festgefahren fühlst oder die Belastung zu groß wird.
Du musst nicht erst am Ende deiner Kräfte sein, bevor du dir Hilfe erlaubst.
Und du musst auch nicht alles sofort entscheiden. Manchmal ist es schon ein wichtiger Schritt, überhaupt auszusprechen, dass etwas nicht mehr passt.
Was ich aus dieser Begegnung mitgenommen habe
Ich denke noch immer gerne an den Taxifahrer zurück. Immerhin habe ich gute zwei Stunden mit ihm verbracht und die Unterhaltung hat mich nachdenklich gemacht.
Seine Gelassenheit hat mich daran erinnert, dass wir manchmal mehr Möglichkeiten haben, als wir in einem belastenden Moment erkennen.
Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können. Eine Krebsdiagnose gehört dazu. Wir können nicht zurück in die Zeit davor und so tun, als wäre nichts geschehen.
Aber wir können mit der Zeit herausfinden, was uns heute wichtig ist. Wir können neue Prioritäten setzen. Wir können Beziehungen pflegen, Grenzen ziehen, alte Wünsche wieder aufgreifen oder neue entdecken.
Und manchmal stellen wir fest, dass wir gar kein völlig neues Leben brauchen. Vielleicht möchten wir einfach ein paar Dinge anders machen als bisher.
Das muss nicht spektakulär sein. Es muss auch niemandem sonst auffallen.
Vielleicht fühlt es sich einfach ein bisschen stimmiger an.
Und das ist doch schon etwas.
Du musst dein Leben nicht von heute auf morgen verändern. Aber du darfst jederzeit damit anfangen, genauer hinzuschauen, was zu dir passt.
Vielleicht wartet da tatsächlich die eine oder andere Möglichkeit auf dich, die du bisher noch gar nicht gesehen hast.
Alles Liebe,
Diana 💚

