Persönliches & Leben
Vertrauen nach Brustkrebs: Wie lerne ich, meinem Körper wieder zu vertrauen?
Hat mein Körper mich im Stich gelassen?
Ich habe im Laufe der Zeit viele Frauen mit Brustkrebs kennengelernt, die sich nach ihrer Diagnose von ihrem Körper verraten oder im Stich gelassen fühlten.
Sie haben sich gesund ernährt, viel bewegt, auf sich geachtet und versucht, alles richtig zu machen. Und dann kommt diese Diagnose.
Brustkrebs.
Vielleicht kennst du diese Gedanken auch:
Warum ich?
Warum hat mein Körper das nicht verhindert?
Warum habe ich es nicht früher bemerkt?
Habe ich etwas falsch gemacht?
Diese Fragen können einen ganz schön beschäftigen. Ich kann gut verstehen, dass man nach einer solchen Diagnose erst einmal mit seinem Körper hadert. Schließlich ist er der Ort, an dem das alles passiert.
Ich selbst habe meinen Körper damals nicht als Verräter empfunden. Aber ich weiß, wie tiefgreifend eine Krebserkrankung das eigene Verhältnis zum Körper verändern kann.
Und eines möchte ich dir gleich sagen: Du hast keine Schuld an deinem Brustkrebs. Nicht, weil du zu viel Stress hattest. Nicht, weil du dich falsch ernährt hast. Und auch nicht, weil du vielleicht zu wenig Sport gemacht hast. Warum ein Mensch an Krebs erkrankt und ein anderer nicht, lässt sich nicht immer erklären.
Du musst keine verborgene Ursache finden, um Frieden mit deinem Körper schließen zu dürfen.
Was mein Körper während der Chemotherapie geleistet hat
Wenn ich heute an meine Behandlung zurückdenke, staune ich manchmal darüber, was mein Körper alles ausgehalten hat.
Die Operation, die Chemotherapie, die Bestrahlung. All das hat Spuren hinterlassen und viel Kraft gekostet.
Während der Chemotherapie habe ich mir nach jeder Behandlung bewusst gemacht, was mein Körper gerade leistet. Er musste mit den Nebenwirkungen klarkommen, sich immer wieder erholen und mich durch diese anstrengende Zeit bringen.
Natürlich war nicht alles gut. Ich war erschöpft, und mein Körper hat mir deutlich gezeigt, dass er Ruhe brauchte.
Aber ich habe versucht, nicht nur auf das zu schauen, was gerade nicht mehr ging. Ich wollte auch wahrnehmen, was weiterhin funktionierte und wie viel mein Körper jeden Tag für mich tat.
Mein Herz schlug. Ich atmete. Mein Körper arbeitete, auch wenn ich selbst manchmal kaum Energie hatte.
Das hat etwas mit mir gemacht.
Ich habe angefangen, meinen Körper bewusster wertzuschätzen. Nicht, weil er perfekt war. Sondern weil er so viel für mich leistete.
Manchmal hätte ich ihm am liebsten gesagt:
Danke, lieber Körper. Du machst das wirklich gut.
Vielleicht klingt das für dich ungewohnt. Für mich war es eine Möglichkeit, meine Aufmerksamkeit ein wenig zu verändern. Weg von dem, was mir die Krankheit genommen hatte, hin zu dem, was noch da war.
Das hat mir gutgetan.
Dein Körper ist nicht dein Feind
Ich finde, wir dürfen lernen, unseren Körper nicht nur danach zu beurteilen, wie er aussieht, was er kann oder ob er so funktioniert wie früher.
Unser Körper ist unglaublich komplex. Tag für Tag laufen unzählige Prozesse ab, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Wir atmen, unser Herz schlägt, Wunden können heilen und unser Immunsystem erfüllt wichtige Aufgaben.
Das bedeutet nicht, dass unser Körper immer alles verhindern oder heilen kann. Auch Krebszellen können sich entwickeln, ohne dass wir das bemerken oder beeinflussen können.
Aber vielleicht hilft dir der Gedanke, dass dein Körper nicht absichtlich gegen dich arbeitet.
Er hat dich nicht verraten. Er hat dich nicht bestrafen wollen.
Du darfst wütend, traurig oder enttäuscht sein. Du darfst mit deinem Schicksal hadern. Und du darfst trotzdem irgendwann wieder versuchen, eine liebevollere Beziehung zu deinem Körper aufzubauen.
Beides darf nebeneinander existieren.
Was mir persönlich geholfen hat
Ich habe mich schon lange vor meiner Erkrankung mit Spiritualität, innerer Entwicklung und der Frage beschäftigt, wie unsere Gedanken unser Leben beeinflussen.
Auch während meiner Brustkrebsbehandlung waren diese Themen für mich wichtig. Ich habe gelesen, Tagebuch geschrieben und meditiert. Das hat mir Halt gegeben und mir geholfen, mit meinen Gefühlen umzugehen.
Ich glaube daran, dass wir unser Leben bewusster gestalten können und dass es sich lohnt, unsere Gedanken und Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen.
Vielleicht entdeckst du dabei alte Glaubenssätze, die dir heute nicht mehr guttun. Vielleicht merkst du, dass du es allen recht machen möchtest, deine eigenen Bedürfnisse zurückstellst oder dir selbst sehr viel abverlangst.
Solche Erkenntnisse können eine Chance sein, etwas zu verändern.
Aber bitte mach dir daraus keinen neuen Vorwurf. Du musst nicht nach einem seelischen Grund für deinen Krebs suchen. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass bestimmte Glaubenssätze oder ungelöste seelische Konflikte Brustkrebs verursachen.
Für mich persönlich war die Erkrankung ein Anlass, über vieles neu nachzudenken. Das heißt nicht, dass ich sie mir durch meine Gedanken selbst geschaffen habe.
Vielleicht ist genau das ein wichtiger Unterschied: Wir können in einer schwierigen Erfahrung einen eigenen Sinn finden, ohne glauben zu müssen, dass wir sie selbst verursacht haben.
Wenn dir Spiritualität Kraft gibt, dann darf sie ein Teil deines Weges sein. Wenn du mit Meditation nichts anfangen kannst, ist das genauso in Ordnung.
Du musst deinen Weg nicht nach den Vorstellungen anderer gestalten.
Wie kannst du deinem Körper wieder näherkommen?
Nach einer Brustkrebsbehandlung fühlt sich der eigene Körper möglicherweise fremd an. Er sieht anders aus, reagiert anders oder fühlt sich anders an als vor der Erkrankung.
Vielleicht hast du Narben. Vielleicht wurde eine Brust entfernt oder rekonstruiert. Vielleicht spürst du Taubheit, Spannungsgefühle oder Beschwerden, die du vorher nicht kanntest.
Und vielleicht bist du bei jedem ungewohnten Ziehen sofort alarmiert.
Das ist verständlich. Nach einer solchen Erfahrung kann es schwer sein, körperliche Veränderungen gelassen wahrzunehmen.
Du musst nicht von heute auf morgen wieder Vertrauen haben. Du darfst deinen Körper langsam neu kennenlernen.
1. Schau deinen Körper mit etwas mehr Freundlichkeit an
Vielleicht fällt es dir schwer, dich im Spiegel anzusehen. Vielleicht vermisst du deinen Körper von früher.
Gib dir Zeit. Du musst nicht sofort alles akzeptieren oder schön finden.
Wenn du dich bereit fühlst, kannst du dich in Ruhe betrachten. Nicht, um Fehler zu suchen oder dich mit früher zu vergleichen. Sondern um wahrzunehmen, wie du heute aussiehst.
Vielleicht legst du eine Hand auf deinen Bauch oder auf dein Brustbein. Vielleicht cremst du dich bewusst ein und nimmst wahr, wie sich deine Haut anfühlt.
Du entscheidest, was sich für dich gut anfühlt. Wenn Berührungen unangenehm sind oder schwierige Gefühle auslösen, musst du dich zu nichts zwingen.
Es geht nicht darum, deinen Körper sofort lieben zu müssen. Es reicht, ihm wieder etwas Aufmerksamkeit und Fürsorge zu schenken.
2. Lerne die Veränderungen kennen
Nach einer Operation oder Bestrahlung kann sich der Körper anders anfühlen als früher. Bei mir treten beispielsweise seit meiner Brustoperation immer wieder Verspannungen im Brust- und Rippenbereich auf.
Wenn ich solche Beschwerden kenne und weiß, was mir dabei hilft, kann ich oft gelassener damit umgehen.
Allerdings gilt auch: Nicht jede neue Beschwerde lässt sich allein anhand des Gefühls einordnen. Wenn etwas neu ist, anhält, stärker wird oder dich beunruhigt, lass es ärztlich abklären. Gerade nach Brustkrebs sind die empfohlenen Nachsorgetermine wichtig.
Du musst nicht jedes Zwicken sofort als etwas Schlimmes interpretieren. Aber du musst auch nicht alles allein einschätzen können.
Vertrauen bedeutet für mich nicht, mögliche Probleme zu ignorieren. Es bedeutet auch, darauf vertrauen zu dürfen, dass ich mir Hilfe hole, wenn ich sie brauche.
3. Nimm wahr, was dir guttut
Vielleicht tut dir ein Spaziergang gut. Vielleicht möchtest du wieder tanzen, schwimmen oder dich sanft bewegen.
Vielleicht brauchst du aber auch erst einmal Ruhe.
Höre auf deine Bedürfnisse und taste dich langsam heran. Du musst nicht wieder so leistungsfähig werden wie vor der Erkrankung. Und du musst dich nicht mit anderen Frauen vergleichen, deren Weg vielleicht ganz anders aussieht.
Manchmal ist ein kleiner Schritt schon genug.
4. Finde kleine Momente der Verbundenheit
Du kannst versuchen, dir jeden Tag einen Moment Zeit für dich zu nehmen.
Vielleicht trinkst du deinen Kaffee ganz in Ruhe. Vielleicht sitzt du ein paar Minuten am offenen Fenster und atmest bewusst. Oder du schreibst abends auf, was dir an diesem Tag gutgetan hat.
Ich habe während meiner Behandlung viel Tagebuch geschrieben. Für mich war das eine Möglichkeit, meine Gedanken zu sortieren und Gefühle auszusprechen, für die ich manchmal keine Worte hatte.
Vielleicht hilft dir etwas Ähnliches. Vielleicht ist es aber auch etwas ganz anderes.
Es gibt keinen richtigen Weg, wieder Vertrauen zu entwickeln. Du darfst herausfinden, was zu dir passt.
Wenn die Angst bleibt
Ich möchte dir nichts vormachen: Nach Brustkrebs kann die Angst vor einem Rückfall immer wieder auftauchen. Manchmal reicht ein Ziehen, ein Kontrolltermin oder eine Nachricht über eine andere Erkrankung, und plötzlich ist die alte Unsicherheit wieder da.
Du musst dich dafür nicht schämen.
Vertrauen bedeutet nicht, dass du nie wieder Angst hast. Und es bedeutet auch nicht, dass du jederzeit positiv denken musst.
Wenn dich die Angst stark belastet, deinen Schlaf beeinträchtigt oder deinen Alltag einschränkt, darfst du dir Unterstützung holen. Eine psychoonkologische Beratung kann dabei helfen, mit diesen Gefühlen umzugehen.
Du musst nicht alles mit dir selbst ausmachen.
Vielleicht wird dein Vertrauen mit der Zeit wieder größer. Vielleicht gibt es Tage, an denen es leichter fällt, und andere, an denen du wieder zweifelst.
Das ist kein Scheitern. Es ist dein Weg.
Wenn dir Spiritualität Halt gibt
Für mich persönlich gehören Spiritualität und Vertrauen zusammen. Ich glaube daran, dass es neben dem gibt, was wir sehen und erklären können, auch Dinge gibt, die uns Kraft schenken, ohne dass wir sie vollständig verstehen müssen.
Vielleicht ist es für dich Gott. Vielleicht das Leben selbst, die Natur oder ein Gefühl der Verbundenheit.
Wenn du gläubig oder spirituell bist, kannst du dich daran orientieren. Du darfst daraus Hoffnung und Zuversicht schöpfen.
Und wenn du damit nichts anfangen kannst, brauchst du es auch nicht.
Es geht nicht darum, etwas Bestimmtes glauben zu müssen. Es geht darum, herauszufinden, was dich trägt, gerade dann, wenn du dich unsicher fühlst.
Eine kleine Erinnerung, die ich aus meinem Yogaunterricht mitgenommen habe, begleitet mich bis heute:
„Ich will im festen Vertrauen vorwärts schreiten, dass die Macht des allgegenwärtigen Guten mir das, was ich brauche, zur rechten Zeit beschaffen wird.“
Dafür bin ich meiner langjährigen Yoga-Lehrerin Bettina Myriel sehr dankbar. 🧡
Vielleicht spricht dich dieser Satz an. Vielleicht findest du deine eigenen Worte.
Du darfst dir Zeit lassen.
Du musst deinem Körper nicht sofort wieder vertrauen
Wenn ich dir etwas mitgeben möchte, dann dies:
Du musst nach Brustkrebs nicht so tun, als wäre alles wieder wie früher. Vielleicht hat sich dein Körper verändert. Vielleicht hat sich auch dein Blick auf das Leben verändert.
Du darfst darüber traurig sein. Du darfst wütend sein. Du darfst dir wünschen, dass dir all das erspart geblieben wäre.
Und irgendwann darfst du vielleicht auch wieder entdecken, was dein Körper alles für dich tut.
Nicht, weil du ihm das schuldig bist. Nicht, weil du unbedingt positiv denken musst. Sondern weil du es selbst verdient hast, dich in deinem Körper wieder etwas sicherer und wohler zu fühlen.
Vertrauen muss nicht auf einmal da sein. Es darf langsam wachsen.
Lerne dich neu kennen. Sei freundlich zu dir. Und gehe deinen Weg in deinem eigenen Tempo.
Von Herzen alles Liebe für dich. 💚
Diana

