Persönliches & Leben
Wenn ein Befund Angst macht
Über die Angst vor einem Rückfall, quälende Gedanken und den Versuch, wieder Ruhe zu finden.
In den letzten Wochen hatte ich eine richtige Angstkrise.
Dazu muss ich etwas ausholen und dir meine Geschichte erzählen.
Ein auffälliger Befund – und plötzlich war die Angst wieder da
Nachdem ich im Juni im Garten gearbeitet und schwere Steine gehoben hatte, bekam ich Schmerzen im linken Rippenbereich. Die Schmerzen gingen einfach nicht weg.
Bei einem Arztbesuch im Juli sprach ich meinen Onkologen darauf an. Er untersuchte die schmerzende Stelle und meinte zunächst, dass vermutlich nichts dahinterstecke. Zur Sicherheit sollte ich trotzdem ein CT und ein MRT machen lassen.
Mein Onkologe fuhr in den Urlaub, und ich ging zu den Untersuchungen.
Was dann passierte, war für mich eines der schlimmsten Erlebnisse seit Langem.
Im CT zeigte sich eine Auffälligkeit an der siebten Rippe im Bereich des Knorpelübergangs. Im Befund stand, dass weitere Untersuchungen notwendig seien und gegebenenfalls auch eine Gewebeprobe erwogen werden müsse.
Oh Gott. Da war tatsächlich etwas!
Ich fuhr sofort zurück in die Praxis. Mein Onkologe war noch im Urlaub, aber eine freundliche Kollegin nahm sich Zeit für mich. Sie beruhigte mich und erklärte, dass sie zunächst nicht von etwas Bösartigem ausgehe. Zur weiteren Abklärung wurde ein Knochenszintigramm veranlasst. Das MRT war unauffällig gewesen.
Ein paar Tage später stand ich also beim Knochenszintigramm.
Es war für mich kaum auszuhalten. Es wurden mehrere Aufnahmen gemacht. Ich sah auf dem Bildschirm einen hellen Fleck im Bereich der schmerzenden Rippe.
„Da ist doch etwas, oder?“, fragte ich die Mitarbeiterin.
Sie erklärte mir, dass deshalb weitere Aufnahmen gemacht würden.
Mir wurde richtig übel.
Dann kam der Arzt dazu und schaute sich die Bilder gemeinsam mit mir an. Ja, da war etwas zu sehen. Aber auf der anderen Seite zeigte sich eine ähnliche Auffälligkeit, wenn auch weniger ausgeprägt. Das symmetrische Muster und die Lage der Veränderungen sprachen eher gegen Knochenmetastasen.
Der Arzt hielt die Befunde deshalb nicht für typisch für Metastasen.
Ich konnte erst einmal aufatmen. Die schlimmsten Befürchtungen wurden unwahrscheinlicher. Aber ganz weg war das Misstrauen nicht.
Als mein Onkologe aus dem Urlaub zurückkam, besprachen wir die Ergebnisse erneut. Auch er hielt eine gutartige, degenerative Ursache für wahrscheinlich. Die Stelle sollte weiter beobachtet werden.
Und trotzdem war die Angst noch da.
Wenn die Gedanken mit einem durchgehen
Wochen später piekte es immer noch an meiner linken Rippe. Nicht ständig, aber immer wieder.
Und jedes Mal ging es los.
Was, wenn es doch eine Knochenmetastase ist? Warum tut es immer noch weh? Wann hört das endlich auf? Und was ist, wenn es überhaupt nicht mehr weggeht?
Ich mag es nicht, wenn mir etwas wehtut. Seit meiner Brustkrebsdiagnose erinnerten mich solche Schmerzen manchmal sofort an die Möglichkeit, dass der Krebs zurückkommen könnte.
Dabei wusste ich eigentlich, dass Schmerzen viele verschiedene Ursachen haben können. Trotzdem fiel es mir schwer, nicht gleich an das Schlimmste zu denken.
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Ein ungewohntes Ziehen, ein stechender Schmerz oder eine Veränderung am Körper – und schon sind wir gedanklich wieder mitten in der Angst vor einem Rückfall.
Das bedeutet nicht, dass wir übertreiben oder uns anstellen. Nach einer Krebserkrankung kann die eigene Sicherheit erschüttert sein. Unser Körper hat uns durch eine schwierige Zeit begleitet, und plötzlich können wir uns nicht mehr so selbstverständlich auf ihn verlassen wie früher.
Es ist verständlich, dass wir besonders aufmerksam auf Veränderungen achten.
Gleichzeitig kann diese Aufmerksamkeit sehr anstrengend werden. Manchmal kreisen die Gedanken stundenlang um eine mögliche Gefahr, obwohl noch gar nicht klar ist, was hinter einem Symptom steckt.
Macht Angst krank?
Während dieser Zeit fragte ich mich immer wieder: Wie kann ich diese Ängste unter Kontrolle bringen? Muss ich sie überhaupt kontrollieren? Oder muss ich lernen, mit ihnen zu leben?
Ich hatte Angst, dass die Angst selbst mich krank machen könnte. Stress führt schließlich zu körperlichen Reaktionen, und wenn wir dauerhaft angespannt sind, fühlen wir uns häufig erschöpft und kommen schlecht zur Ruhe.
Aber hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Angst und Stress können sehr belastend sein. Sie können unseren Schlaf, unsere Stimmung und unsere Lebensqualität beeinträchtigen. Wissenschaftlich ist jedoch nicht belegt, dass Angst allein eine Krebserkrankung verursacht oder dass wir durch unsere Gedanken einen Rückfall herbeiführen.
Du bist nicht schuld an deiner Erkrankung, und du bist auch nicht schuld daran, wenn du Angst hast.
Diesen Gedanken finde ich besonders wichtig. Denn gerade wenn wir uns mit Gesundheit beschäftigen, können wir schnell in die Falle geraten, alles kontrollieren zu wollen. Wir möchten nicht nur gesund leben, sondern auch die richtigen Gedanken haben und möglichst gelassen bleiben.
Doch wir sind Menschen. Wir dürfen Angst haben, wütend sein, traurig werden und uns manchmal völlig überfordert fühlen.
Wir müssen nicht auch noch unsere Gefühle perfekt im Griff haben.
Wovor habe ich eigentlich Angst?
Irgendwann habe ich angefangen, genauer hinzuschauen.
Was macht mir wirklich Angst? Ist es der Tod? Ist es das Sterben? Habe ich Angst vor Schmerzen, vor dem Verlust meiner Selbstständigkeit oder davor, nicht zu wissen, was auf mich zukommt?
Ich habe für mich festgestellt, dass mich weniger der Tod an sich beschäftigt als die Vorstellung, leiden zu müssen und genau zu wissen, was passiert.
Vielleicht ist das bei dir ganz anders. Vielleicht macht dir vor allem der Gedanke Angst, deine Familie zurückzulassen. Vielleicht möchtest du möglichst lange leben, weil du noch so viel vorhast.
Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Nicht, damit wir jede Angst wegdiskutieren können, sondern damit wir besser verstehen, was uns gerade belastet.
Manchmal zeigt sich dabei, dass hinter einer großen, diffusen Angst eine konkretere Sorge steckt. Und mit einer konkreten Sorge können wir vielleicht etwas anfangen: Wir können Fragen stellen, uns medizinisch beraten lassen oder mit einem Menschen sprechen, dem wir vertrauen.
Andere Ängste lassen sich nicht so einfach lösen. Dann dürfen sie erst einmal da sein.
Kann ich lernen, anders mit der Angst umzugehen?
Ich habe leider kein Patentrezept gegen die Angst – weder für dich noch für mich.
Was mir heute hilft, ist vor allem der Gedanke, dass ich nicht jede Möglichkeit gedanklich durchspielen muss. Ich darf mich informieren, medizinische Fragen klären und dann versuchen, meine Aufmerksamkeit wieder dem Leben zuzuwenden.
Vielleicht helfen dir einige dieser Dinge ebenfalls:
Atmen: Setz dich bequem hin und lass deinen Atem für einen Moment einfach kommen und gehen. Du musst nichts erzwingen. Vielleicht reicht es, ein paar ruhige Atemzüge wahrzunehmen.
Mit jemandem reden: Manchmal hilft es, die Gedanken laut auszusprechen. Eine vertraute Person, eine Krebsberatungsstelle oder eine psychoonkologische Fachkraft kann dich dabei unterstützen.
In die Natur gehen: Ein Spaziergang kann dir eine Pause vom Gedankenkarussell ermöglichen. Du musst nichts leisten. Geh einfach so weit, wie es dir guttut.
Meditieren oder beten: Wenn dir solche Praktiken liegen, können sie dir Halt geben. Du musst dafür keiner bestimmten Weltanschauung folgen.
Etwas Angenehmes tun: Vielleicht möchtest du ein Bad nehmen, Musik hören, ein Buch lesen oder eine Freundin treffen. Du darfst schöne Dinge erleben, auch wenn deine Angst noch nicht verschwunden ist.
Dankbarkeit ausprobieren: Vielleicht gibt es etwas, das dir heute Freude gemacht hat. Du musst nicht jeden Tag eine lange Liste schreiben. Manchmal reicht es, einen einzigen schönen Moment bewusst wahrzunehmen.
Du musst nicht alles ausprobieren. Und wenn eine Übung nichts für dich ist, bedeutet das nicht, dass du etwas falsch machst.
Wenn die Angst zu groß wird
Manchmal helfen kleine Alltagstipps nicht genug. Vielleicht kannst du kaum schlafen, denkst ständig an einen möglichen Rückfall oder hast Schwierigkeiten, dich auf andere Dinge zu konzentrieren.
Dann musst du nicht allein versuchen, damit fertigzuwerden.
Psychoonkologische Beratung kann helfen, die eigenen Gedanken und Gefühle zu sortieren und einen Umgang mit der Angst zu finden. Solche Unterstützung ist während der Behandlung ebenso möglich wie danach.
Und wenn ein neues oder anhaltendes Symptom dich beunruhigt, lass es medizinisch abklären. Du musst weder vom Schlimmsten ausgehen noch versuchen, dir die Angst auszureden.
Es geht darum, zwischen einer medizinischen Frage, die geklärt werden sollte, und den Gedanken zu unterscheiden, die uns über das hinausführen, was wir tatsächlich wissen.
Und was war nun mit meiner Rippe?
Einige Wochen später konnte ich endlich aufklären, woher das Pieken kam.
Es war kein Krebs.
Ich hatte tatsächlich eine gebrochene Rippe.
Das war eine enorme Erleichterung. Gleichzeitig war mir klar geworden, wie viel Kraft mich die Wochen der Ungewissheit gekostet hatten.
Ich hatte einen auffälligen Befund, der sorgfältig abgeklärt werden musste. Dass sich meine schlimmste Befürchtung nicht bestätigte, bedeutete nicht, dass meine Angst vorher unsinnig gewesen war. Sie war eine verständliche Reaktion auf eine belastende Situation.
Aber meine Geschichte hat mir noch etwas gezeigt: Es muss nicht immer das Schlimmste sein.
Wenn du gerade auf Untersuchungsergebnisse wartest oder dich ein Symptom verunsichert, wünsche ich dir, dass du Unterstützung findest und die Ungewissheit nicht allein tragen musst.
Du darfst Fragen stellen. Du darfst Angst haben. Und du darfst dich zwischendurch auch wieder den schönen Dingen des Lebens zuwenden.
Du musst nicht erst angstfrei sein, um weiterzuleben.
Alles Liebe,
Diana 💚
Quellen und weiterführende Informationen
1. Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: Angst und andere seelische Belastungen bei Krebs
Informationen zu Angst, Sorgen und Möglichkeiten, Unterstützung zu finden.
https://www.krebsinformationsdienst.de/krebs-und-psyche/seelische-belastungen-angst
2. Krebsinformationsdienst: Psychoonkologie – psychologische Unterstützung bei Krebs
Informationen zu Beratungsangeboten während und nach einer Krebserkrankung.
https://www.krebsinformationsdienst.de/krebs-und-psyche/psychoonkologie
3. Krebsinformationsdienst: Stress und Psyche – ein Krebsrisiko?
Einordnung des wissenschaftlichen Forschungsstands zu Stress, psychischer Belastung und Krebsentstehung.
https://www.krebsinformationsdienst.de/krebs-vorbeugen/unbewiesene-risikofaktoren/stress-und-psyche
Hinweis: Dieser Beitrag schildert persönliche Erfahrungen und dient der allgemeinen Information. Bei neuen oder anhaltenden Beschwerden solltest du ärztlichen Rat einholen. Bei starker seelischer Belastung darfst du dir psychoonkologische Unterstützung holen.

