Leben mit Brustkrebs

Wie bekomme ich Struktur in meinen Therapie Alltag?

Wenn plötzlich nichts mehr ist wie vorher: Meine Erfahrungen und sechs Ideen, die dir helfen können, deinen Tag neu zu gestalten.

Als ich 2013 meine Brustkrebsdiagnose bekam, fiel ich erst einmal aus meinem Hamsterrad.

Bis dahin war mein Leben ziemlich busy. Mein Job machte mir zwar Spaß, aber er kostete mich oft genug jede Menge Kraft. Privat waren mein Mann und unsere Kinder da, damals noch Teenager. Schule, Sport, Fahrdienste, Einkäufe, Haushalt. Du kennst das vielleicht.

Und dann war plötzlich alles anders.

Von einem Tag auf den anderen war ich schwer krank. Die Diagnose stand schwarz auf weiß auf dem Papier, und mein altes Leben stoppte erst einmal.

Natürlich gab es jede Menge Arzttermine, Blutabnahmen, Chemotherapie, Bestrahlung und Papierkram. Es war also nicht so, dass ich nichts zu tun gehabt hätte.

Trotzdem fühlte ich mich manchmal leer.

Während andere ihrem gewohnten Alltag nachgingen, saß ich zu Hause und wusste nicht recht, was ich mit meinem Tag anfangen sollte. Mein Mann fuhr ins Büro, das Leben ging weiter. Und ich? Ich fühlte mich auf die Krebsbehandlung und den Haushalt reduziert.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Tage nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Beim Wäscheaufhängen wurde mir plötzlich klar, dass dieser Alltag nun erst einmal für längere Zeit mein Leben bestimmen würde.

Im Krankenhaus hatte ich mit der Psychoonkologin noch ganz andere Pläne geschmiedet. Ich würde die freie Zeit nutzen, viele Ausflüge machen und endlich all das erledigen, wofür mir früher die Zeit gefehlt hatte.

Nun ja. So viele Ausflüge wurden es dann doch nicht.

Was mir fehlte, war Struktur. Ein neuer Rhythmus. Eine Vorstellung davon, wie ich meine Tage gestalten und meine Kräfte einteilen konnte.

Was mir damals geholfen hat

Zum Glück fand ich recht schnell Anschluss an eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Brustkrebs, die in unserem Brustzentrum angeboten wurde.

Wir waren ungefähr im gleichen Alter und konnten vieles miteinander teilen. Wir sprachen über unsere Behandlung, über die kleinen und großen Beschwerden, über das, was uns half, und über unsere Ängste.

Wir freuten uns gemeinsam, wenn eine Frau ihre Chemotherapie oder Bestrahlung geschafft hatte. Und wir weinten miteinander, wenn der Weg gerade besonders schwer war.

Dieser Austausch war unbezahlbar.

Ich freute mich auf unsere Treffen, die leider nur alle zwei Wochen stattfanden. Aber der Termin stand fest in meinem Kalender. Er gab mir etwas, worauf ich mich freuen konnte und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Mit der Zeit fand ich mich besser in meinem neuen Alltag zurecht.

Ich begann zu verstehen, dass diese Monate nicht nur eine Zeit des Wartens und Aushaltens waren. Sie boten mir auch die Möglichkeit, mich mehr um mich selbst zu kümmern. Etwas, das im früheren Alltag oft zu kurz gekommen war.

Natürlich hätte ich mir diese Auszeit lieber unter anderen Umständen gewünscht. Aber nun war sie da und ich wollte versuchen, das Beste daraus zu machen.

Mein Kopf brauchte ebenfalls einen Plan

Während der Behandlung hatte ich viel mit Ängsten und kreisenden Gedanken zu tun. Deshalb probierte ich verschiedene Dinge aus.

Ich schrieb Tagebuch. Manchmal wurde daraus sogar ein Stundenbuch, weil ich mehrmals am Tag meine Gedanken zu Papier brachte.

Ich meditierte, betete, schrieb einen Abschiedsbrief an meinen Krebs und hörte auf Spotify Naturgeräusche wie Regen, die mich beruhigten. Außerdem las ich viele Bücher, die sich mit Selbstfürsorge und dem Umgang mit einer schweren Erkrankung beschäftigten.

Das alles gab mir das Gefühl, selbst etwas tun zu können. Nicht, weil ich dadurch den Verlauf meiner Erkrankung kontrollieren konnte. Aber ich konnte beeinflussen, wie ich mit dieser schwierigen Zeit umging.

Ein Satz begleitete mich besonders:

ICH WILL LEBEN. ICH ENTSCHEIDE MICH FÜR DAS LEBEN.

Diesen Gedanken hatte ich aus einem Buch von Annette Rexrodt von Fircks mitgenommen, deren Geschichte mich sehr beeindruckte und mir Hoffnung gab.

Ich sagte mir diesen Satz immer wieder laut vor. Das fühlte sich gut an. Es gab mir Kraft und half mir, mich auf das zu konzentrieren, was mir wichtig war.

Und langsam machte ich wieder Pläne für die Zukunft.

Ich freute mich darauf, irgendwann wieder zu reisen, körperlich fitter zu werden, meine Haare wieder wachsen zu sehen und nach der Behandlung eine Anschlussheilbehandlung zu machen. Ich überlegte auch, wann ich wieder arbeiten wollte und was ich in meinem Leben vielleicht verändern würde.

Diese Vorstellungen gaben mir eine Richtung. Ich hatte wieder etwas, worauf ich mich freuen konnte.

Stück für Stück wieder Ordnung schaffen

Im Herbst begann ich, unser Haus aufzuräumen. Schublade für Schublade, Zimmer für Zimmer.

Es fühlte sich fast so an, als wollte ich nicht nur in meinem Kopf aufräumen, sondern auch in unseren Schränken. Dinge loslassen, die ich nicht mehr brauchte. Platz schaffen.

Auch innerlich beschäftigte ich mich mit meiner Vergangenheit und mit Dingen, die mich belasteten. Ich schrieb auf, was mich traurig machte, und versuchte, manches ruhen zu lassen, statt immer wieder darüber nachzudenken.

Natürlich lässt sich nicht alles einfach loslassen. Manche Erfahrungen begleiten uns lange, und manchmal braucht es Unterstützung, um mit ihnen Frieden zu schließen.

Aber ich merkte, dass ich mich wieder mehr mit der Zukunft beschäftigen wollte.

Die Leere, die ich anfangs gespürt hatte, füllte sich langsam mit Leben. Ich entwickelte neue Interessen, machte Pläne und entdeckte Möglichkeiten, die ich vorher nicht gesehen hatte.

Ich lernte Ukulele spielen und übernahm eine Tierpatenschaft. Dinge, die ich schon lange einmal machen wollte.

Manchmal braucht es gar nicht so viel, um wieder einen kleinen Schritt nach vorne zu machen.

Sechs Ideen für mehr Struktur im Therapiealltag

Vielleicht steckst du gerade mitten in der Behandlung und fragst dich, wie du deine Tage gestalten sollst. Vielleicht fehlt dir der gewohnte Rhythmus, oder du hast das Gefühl, dass dir die Decke auf den Kopf fällt.

Dann können dir diese sechs Ideen helfen.

Sie sind keine To-do-Liste, die du abarbeiten musst. Nimm dir heraus, was zu dir und deiner momentanen Kraft passt. Es darf jeden Tag anders aussehen.

1. Schlaf- und Wachzeiten

Ein einigermaßen regelmäßiger Schlafrhythmus kann dem Tag einen Rahmen geben. Wenn es dir möglich ist, versuche, ungefähr zur gleichen Zeit schlafen zu gehen und aufzustehen.

Auch ein kleines Abendritual kann guttun. Vielleicht liest du noch ein paar Seiten, hörst ruhige Musik oder Naturgeräusche oder machst eine kurze Entspannungsübung.

Wenn du magst, schreib drei Dinge auf, die dich an diesem Tag gefreut haben. Das müssen keine großen Ereignisse sein. Vielleicht war es ein nettes Telefonat, ein Sonnenstrahl auf dem Balkon oder eine Tasse Tee, die du in Ruhe genießen konntest.

Morgens darfst du dir ebenfalls einen kleinen Moment für dich nehmen. Streck dich, räkele dich und komm in deinem eigenen Tempo in den Tag.

Und bitte mach dir keinen zusätzlichen Stress, wenn du wegen der Behandlung schlecht schläfst oder deine gewohnte Schlafenszeit nicht einhalten kannst. Dein Körper macht gerade viel durch. Wenn Schlafprobleme länger anhalten, sprich dein Behandlungsteam darauf an.

2. Nimm dir Zeit für dich und deinen Körper

Während einer Krebsbehandlung verändert sich oft das Verhältnis zum eigenen Körper. Vielleicht fühlst du dich blass, müde oder fremd in deiner Haut. Vielleicht fallen deine Haare aus, oder deine Nägel verändern sich.

Versuche, dir trotzdem kleine Momente der Körperpflege zu gönnen.

Eine angenehme Dusche, eine milde Hautpflege, ein bisschen Make-up oder bequeme Kleidung können dazu beitragen, dass du dich wohler fühlst.

Mir hat es damals geholfen, meine Augen zu betonen und meine Augenbrauen nachzuzeichnen, als sie durch die Behandlung weniger wurden. Das war eine Kleinigkeit, aber sie tat mir gut.

Achte dabei auf die Bedürfnisse deiner Haut. Während einer Chemotherapie kann sie empfindlicher sein. Verwende möglichst milde Produkte und lass dich bei Veränderungen oder Beschwerden medizinisch beraten.

Auch deine Nägel können unter bestimmten Chemotherapien leiden. Frage dein Behandlungsteam, welche Pflege in deinem Fall sinnvoll ist.

Du musst dich nicht schminken oder besonders schick anziehen. Aber wenn dir solche kleinen Rituale guttun, dann gönn sie dir.

3. Mach deine Mahlzeiten zu kleinen Wohlfühlmomenten

Wenn du dich dazu in der Lage fühlst, plane deine Mahlzeiten ein wenig im Voraus. Vielleicht kaufst du mit Unterstützung ein, kochst etwas Einfaches oder bereitest gleich eine größere Portion für den nächsten Tag zu.

Es muss kein Drei-Gänge-Menü sein. Ein leckeres, nahrhaftes Essen darf ganz unkompliziert sein.

Decke den Tisch hübsch, stell dir Blumen dazu oder zünde eine Kerze an, wenn dir danach ist. Nimm dir Zeit zum Essen und genieße, was du auf dem Teller hast.

Während einer Krebstherapie können sich Geschmack, Appetit und Verträglichkeit verändern. Manche Frauen haben Übelkeit, andere leiden unter Verstopfung oder Durchfall. Dann ist nicht jeder Tag geeignet, um neue Rezepte oder Ernährungsweisen auszuprobieren.

Wichtig ist, dass du ausreichend versorgt bist und das essen kannst, was dir bekommt. Wenn du Schwierigkeiten hast, genug zu essen oder Gewicht verlierst, lass dich von deinem Behandlungsteam oder einer qualifizierten Ernährungsfachkraft unterstützen.

Und vergiss nicht: Essen darf Freude machen. Du musst nicht jede Mahlzeit perfekt gestalten.

4. Plane dir kleine Inseln für dich ein

Ich nenne das gerne „Me Time“. Zeit, in der du etwas tust, das dir Freude macht oder dich auf andere Gedanken bringt.

Vielleicht möchtest du:

  • ein Buch lesen,
  • einen Film oder eine Serie anschauen,
  • Musik hören oder ein Instrument spielen,
  • etwas Neues lernen,
  • Tagebuch schreiben,
  • meditieren oder beten,
  • einen Brief an dich selbst schreiben,
  • Pläne für die Zukunft schmieden.

Du könntest auch eine Liste mit Dingen erstellen, die du gerne einmal machen möchtest. Eine kleine Bucket-List.

Nicht, weil du jetzt alles sofort erledigen musst. Sondern weil es schön sein kann, sich auf etwas zu freuen.

Wie schon gesagt, habe ich zum Beispiel Ukulele gelernt und eine Tierpatenschaft übernommen. Beides waren kleine Wünsche, die ich mir erfüllen konnte.

Du musst dafür nicht jeden Tag mehrere Stunden reservieren. Vielleicht hast du nur zehn Minuten Energie. Dann sind es eben zehn Minuten. An einem guten Tag darf es mehr sein.

5. Finde eine Form der Bewegung, die dir guttut

Bewegung kann während und nach einer Brustkrebsbehandlung viele Vorteile haben. Sie kann die körperliche Leistungsfähigkeit unterstützen, bei Fatigue helfen und die Lebensqualität verbessern. Auch für Muskeln und Knochen ist sie wichtig.

Aber Bewegung muss nicht bedeuten, dass du dich anstrengst oder ein Sportprogramm absolvieren musst.

Ein Spaziergang, ein paar sanfte Übungen, Schwimmen oder Tanzen können ein guter Anfang sein. Mein persönlicher Favorit ist Tanzen! Coole Musik an und einfach durch den Raum bewegen. Das macht mir richtig gute Laune.

Wie viel Bewegung für dich gerade sinnvoll ist, hängt von deiner Behandlung und deiner körperlichen Verfassung ab. An manchen Tagen reicht ein kurzer Gang durch die Wohnung. An anderen geht vielleicht eine kleine Runde an der frischen Luft.

Wenn du Beschwerden hast, dich sehr schwach fühlst oder unsicher bist, welche Bewegung geeignet ist, sprich mit deinem Behandlungsteam.

Regelmäßige Bewegung wird auch mit einem günstigeren Krankheitsverlauf bei Brustkrebs in Verbindung gebracht. Sie kann das Rückfallrisiko möglicherweise senken, ist aber keine Garantie dafür, dass der Krebs nicht zurückkommt.

Du musst dich also nicht „dem Krebs davonlaufen“. Beweg dich, weil es dir guttut und weil dein Körper Unterstützung verdient.

6. Pflege deine sozialen Kontakte

Gerade während einer Krebsbehandlung kann es sehr guttun, Menschen an seiner Seite zu haben.

Menschen, mit denen du lachen kannst. Die zuhören, wenn du Angst hast. Die dich begleiten, wenn du nicht allein zu einem Termin gehen möchtest. Oder die einfach eine Suppe vor die Tür stellen, ohne viele Fragen zu stellen.

Meine Selbsthilfegruppe war für mich damals eine große Unterstützung. Es tat gut, mit Frauen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen machten und nicht jedes Gefühl erklärt bekommen mussten.

Vielleicht gibt es auch in deiner Nähe eine Gruppe für Frauen mit Brustkrebs. Oder du hast eine Freundin, mit der du regelmäßig telefonieren möchtest.

Und wenn du lieber allein bist, ist das ebenfalls in Ordnung. Du musst nicht ständig unter Menschen sein. Entscheidend ist, dass du dich nicht aus Einsamkeit zurückziehst, obwohl du dir eigentlich Nähe wünschst.

Manche Beziehungen verändern sich während einer schweren Erkrankung. Menschen, von denen du Unterstützung erwartet hast, ziehen sich vielleicht zurück. Andere überraschen dich mit ihrer Hilfsbereitschaft.

Du darfst dir aussuchen, mit wem du deine Kraft teilen möchtest. Und du darfst dir professionelle Unterstützung holen, wenn dich Ängste oder Einsamkeit sehr belasten.

Du musst nicht alles auf einmal verändern

Vielleicht kannst du den einen oder anderen Tipp in deinen Alltag einbauen. Vielleicht ist heute aber auch einfach nicht der richtige Tag dafür.

Mach dir keine Sorgen, wenn du nicht alle sechs Punkte umsetzen kannst. Du musst nicht jeden Tag produktiv sein, und du musst aus deiner Therapiezeit kein Selbstoptimierungsprojekt machen.

Manchmal ist es schon genug, aufzustehen, zu duschen, etwas zu essen und einen Termin zu bewältigen.

Die Krebsbehandlung ist ein Marathon, kein Sprint. Du darfst deine Kräfte einteilen. Du darfst Pausen machen. Und du darfst Tage haben, an denen gar nichts nach Plan läuft.

Struktur soll dir Halt geben, nicht noch mehr Druck machen.

Vielleicht ist dein neuer Rhythmus am Anfang noch ungewohnt. Vielleicht verändert er sich mit jeder Phase deiner Behandlung. Das ist völlig in Ordnung.

Gib dir Zeit, herauszufinden, was dir guttut. Du musst deinen Alltag nicht von heute auf morgen neu erfinden.

Und vor allem: Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Lass dir helfen, wenn du Hilfe brauchst.

Schritt für Schritt darf wieder mehr Leben in deinen Tag kommen.

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